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Ensemble Artig zeigt beklemmende Groteske: „König Ubu“

Ein Egomane greift zur Krone

Münster

Er sitzt auf einem Stapel Holzpaletten, fischt Kirschen aus einem Glas, isst und isst, während neben ihm ein Knecht vor Erschöpfung zusammenbricht. Vater Ubu, der Dragonerhauptmann, ist ein gefühlskalter, einfältiger, gieriger Machthaber, dem eine gute Leberwurst näher ist als die eigene Ehefrau. Auch Mutter Ubu macht keinen Hehl daraus, dass sie ihren Gemahl verachtet. Königin von Polen möchte sie werden, beschimpft Ubu als „Waschlappen“ und stachelt den Egomanen dazu an, nach der Krone zu greifen. In Hauptmann Bordure findet dieser ein williges Werkzeug: Rasch ist der König umgebracht, für das Volk brechen grausame Zeiten an . . .

Isabell Steinböck

Stella Hanke (l.) als dumm-dreister König Ubu. Es berührt ihn auch nicht, wenn neben ihm ein Knecht erschöpft in die Knie geht. Foto: Isabell Steinböck

„König Ubu“, 1896 in Paris uraufgeführt, ist ein mit unflätigen Schimpfwörtern gespicktes Theaterstück des französischen Dramatikers Alfred Jarry, das seinerzeit von Surrealisten und Dadaisten gefeiert wurde. Ein bewusst übertrieben inszeniertes Stück im Stil eines Marionettenspiels, das Machtgier und Brutalität als Groteske übersteigert. Im Rahmen von PUSH – Pumpenhaus und Schule – hat sich das Ensemble Artig der Marienschule dieses Stoffs angenommen und in einer eigenen, modernisierten Textfassung auf die Bühne des Pumpenhauses gebracht. Unter der Leitung von Christian Reick (dramaturgische Beratung: Johannes Fundermann) ist ein ausdrucksstarkes Stück entstanden, das den Fokus weniger auf Witz und Übertreibung legt, als auf die atemberaubende Unmenschlichkeit, die dem Stück zugrunde liegt und die, wie die Historie lehrt, alles andere als surreal ist.

Mit Stella Hanke als dumm-dreistem König Ubu, der seine Menschenverachtung bei jeder Gelegenheit, „Schoiße“ fluchend herausrotzt, und Judith Jung als arroganter, vor Gefühlslosigkeit starrer Gemahlin gelingt Reick und dem gut aufeinander eingespielten, zwölfköpfigen Ensemble ein beklemmendes Stück mit vielen guten Regieeinfällen. So finden Hinrichtungen und Orgien hinter einem Vorhang als Schattenspiel statt. Geräusche und Gesang, mal eingespielt, mal live auf der Bühne, verbreiten Atmosphäre, und die aus Holzpaletten bestehende Kulisse erweist sich als erstaunlich variabel, wenn sie, in Windeseile umgebaut, zum Gefängnis, Schlachtfeld oder Grabhügel mutiert. In gut einer Stunde trägt die Spannung bis zum Schluss: Eine gelungene Premiere.

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