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„Das Hotelzimmer“ im Kleinen Bühnenboden uraufgeführt

Ein Kampf um Deutungshoheit

Münster

„Das Hotelzimmer“: Regisseur Felix J. Mohr für seine Adaptation des gleichnamigen Films von Rudi Gaul eine Arena für einen Kampf um die Deutungshoheit über die Vergangenheit eingerichtet. Die Uraufführung im Kleinen Bühnenboden löste ein begeistertes Echo aus.

Erfolgsautorin Agnes Lehner (Ivonne Schwarz) und der Lokalfernsehreporter (Stefan Nászay) arbeiten die Vergangenheit auf. Foto: Müller

Ich bin jemand, der im Hier und Jetzt lebt“, so wimmelt die Erfolgsautorin Agnes Lehner (Ivonne Schwarz) den hampeligen Lokalfernsehreporter (Stefan Nászay) ab, der sie mit eigentümlichen Details aus ihrer Vergangenheit konfrontiert. Einer Zeit, in der sie angeblich mehr gemeinsam hatten, als sie zugeben mag. Alles vergessen, womöglich verdrängt?

Im Kleinen Bühnenboden hat Regisseur Felix J. Mohr für seine Adaptation des gleichnamigen Films von Rudi Gaul eine Arena für einen Kampf um die Deutungshoheit über die Vergangenheit eingerichtet. Von drei Seiten, begrenzt durch ein immenses Bettgestell, kann das Publikum „Das Hotelzimmer“ inspizieren, dessen Titel überdies dem des Romans der interviewten Autorin gleicht. Darin wiederum begegnet eine Frau einem Mann, dem sie vorwirft, sie vor 20 Jahren vergewaltigt zu haben. Dieser streitet alles ab. Als quasi dritter Akteur und Zuschauer zugleich in diesem Psycho-Thriller fungiert die Kamera des Reporters, die unerbittlich Bilder für die Leinwand hinter den beiden Kontrahenten liefert. Mitunter ergibt sich ein surrealer Effekt einer endlosen, sich verjüngenden Kette von Bildern im Bild, wenn die Linse neben dem Geschehen auf der Bühne auch die Projektionen aufnimmt.

Der Kunst des Verschachtelns fügt die gelungene, fordernde Inszenierung starke Kontraste hinzu. Mal agieren Schwarz und Nászay wie die Typen-Klischees, die zu sein sie sich gegenseitig vorwerfen; mal kommt es zu hochemotionalen Ausbrüchen. Verzerrte, wuchtig zu Stroboskop-Licht pulsierende Bässe teilen das Kammerspiel in drei Akte, in denen widersprüchliche Erinnerungen wiedergegeben werden, Opfer und Täter ihre Rollen tauschen – und doch bis zum Ende anregend unergründlich bleiben. Wenn es im Stück heißt, es gebe „Dinge in der Vergangenheit, die man unterdrücken muss, um weiterzuleben“, zielt dies auf erlebte Traumata, die beide Seiten für sich reklamieren und in ihrem Handeln überwinden wollen. Nur wer sich in der Auseinandersetzung durchsetzt, kann die Geschichte erzählen, die künftig als Wahrheit gelten soll. Das Stück löste ein begeistertes Echo und Diskussionen aus.

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