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Subtiles Theatervergnügen mit Walter Brunhubers „Wittgenstein“ in der Meerwiese

Ein Pflaumenschäler in extremer Location

Münster

Walter Brunhubers Stück „Wittgenstein“ liefert in der Meerwiese ein subtiles Vergnügen. Die Protagonisten des Stückes werfen ihre Gefühle auf den Landstreicher Wittgenstein, dessen Blick zum Spiegel wird.

Von Robin Gerke

Bernd Lagemann als „Mike“, Hartwig Kussatz als „Wittgenstein“ und Sarah Stern als „Ginger“ Foto: Gerke

Eine Bergklause im Schatten zweier imposanter Felstürme. Ein ungelöster Mordfall. Ein stummer Landstreicher. Eine Aura des Unheils und eine gehörige Prise Familiendrama. Nach dieser Beschreibung könnte man meinen, es handele sich um den nächsten „Fernsehfilm der Woche“ im Zweiten. Weit gefehlt, denn Autor und Regisseur Walter Brunhuber geht es bei seinem „Wittgenstein“, der am Samstag mit dem theater / querschnitt Premiere feierte, nicht um einen konzisen Spannungsbogen und eine befriedigende Auflösung. Vielmehr ist es die Art und Weise, wie sich seine Figuren in der Person des titelgebenden Landstreichers spiegeln, die den Reiz des Stückes ausmacht.

Mikes Werbeagentur, bestehend aus ihm, seiner Frau und seinem Halbbruder, scoutet die bedrohlichen Zwillingsfelsen als Location für die Bewerbung eines Küchenwerkzeugs, das die Welt nicht braucht. Rechtsmedizinerin Dr. Westphal schreibt ein Buch über einen vor Jahrzehnten ermordeten Schwarzen, was den Schwestern, die die Bergklause betreiben, noch unliebsamer ist als Wittgenstein, der sich mal wieder in ihrer Herberge eingenistet hat. Er sagt kein Wort, sitzt und schaut lediglich. Nach und nach schleudern sie ihm alle ihr Innerstes entgegen, projizieren ihre Ängste und Probleme auf den Sonderling, dessen Blick so zum Spiegel wird.

Auch wenn des Mordrätsels Lösung und die Übel, die da kommen, wenig überraschen, macht das Spiel aus Symbolen und Vorausdeutungen Spaß. Brunhuber kann sich auf ein souveränes Ensemble verlassen, dass seinen Figuren Leben und dem Zuschauer Raum gibt, das nicht Gesagte selbst zu füllen. Das Stück funktioniert – nicht als Krimi, sondern als Seelenspiegel.

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