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Das Spandauer Duo „SDP“ in Münster

Ein Prosit auf das Unperfekte

Münster

Fans atmen auf: Des Spandauer Duo SDP ist wieder unterwegs. In der Halle Münsterland präsentierte das Duo mit seinen Mitstreitern wie üblich humorige Verlierer-Hymnen und Kalauer-Pop-Hits. Wir waren dabei.

Von Wolfgang A. Müller

Sie wollen groß sein, aber nicht unbedingt erwachsen: Das Spandauer Duo „SDP“ und weitere Mitstreiter in Münster. Foto: Müller

„Wir sind leider wieder da“, trällert es in bester Ärzte-Manier kokett von der Bühne. Für die Fans des Spandauer Duos SDP kam deren süffisantes Kontra gegen ihre Kritiker im Klartext mindestens so leuchtend und massiv wie das Band-Logo auf der Bühne herüber: „Endlich wieder da!“ Erwartungsfrohe Seufzer der Erlösung auf beiden Seiten: Die Corona-Pandemie hatte die Tournee gefühlt schon auf den Sankt Nimmerleinstag verschoben.

Tatsächlich band sich eine immense Euphorie in der ausverkauften Halle für knapp zwei Stunden innig an die humorigen Verlierer-Hymnen und Kalauer-Pop-Hits, die Vincent „Beatzarre“ Stein und Dag-Alexis Kopp­lin mit Band und DJ kredenzten. Seit 2004 schon verwursten SDP (abgeleitet von „Stonedeafproductions“) alles, was in der deutschen Pop-Musik kommerziell nach oben treibt, stilistisch variabel, kreuzüber.

Dabei scheuen sie sich nicht, die vorherrschende schematische Musikproduktion am Reißbrett zu persiflieren: Mit grotesk überspanntem Autotune klingt „Das Lied“, ein Baukasten der Nichtigkeiten, an. Der Witz ist: SDP benutzen ähnliche Fließbandmuster, aber immer mit dem Potenzial und Drang, gleichzeitig alles auf die Schippe zu nehmen: Drei Akkorde, die oft eine melancholische oder süßliche Stimmung anschlagen, zündende Beats, simple, eingängige Melodien zum Mitsingen, pfiffige Rap- und Toasting-Einlagen. Grenzwertige Appelle an den inneren Ballermann inklusive. Passenderweise beschreiben SDP ihre Songs selbstironisch als „Herpes“: mitunter unangenehm, immer aber schwer wieder loszuwerden. Motto: Wenn schon Schrott, dann von ehrlichen, sympathischen Händlern.

„Viva La Dealer“ kommt mit karibischem Flair, aber aus Plastik daher. „Wie viele Lieder muss ich noch schreiben“ atmet schwere Depri-Luft. „Echte Freunde“, das Stein und Kopplin von der Tonmischer-Insel in der Hallenmitte aus intonieren, rührt an. Die flotte Party-Absturz-Nummer „Die Nacht von Freitag auf Montag“ erinnert derweil musikalisch wie textlich an die Ärzte. Deren Poster wiederum hängt neben einem der Beastie Boys und Aggro Berlins in einem zwischendurch auf der Bühne installierten Kinderzimmer; und deren „Schrei nach Liebe“ wird gleichfalls ins große Hit-Potpourri geworfen. Groß werden, aber niemals erwachsen, zumindest nicht jeden Käse mitmachen, lautet die bescheiden subversive Botschaft der auch nicht mehr ganz jungen, nahbaren Spätpubertierer.

Im Titel des neuen Albums, „Ein gutes schlechtes Vorbild“, ist das retrospektive Prosit auf das perfekte Leben, um das es SDP immer wieder geht, schon eingearbeitet.

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