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Der Dresdner Trompeter Ludwig Güttler beendet zum Jahresende seine aktive Konzerttätigkeit

„Ein Ruhestand wird das wohl nicht“

Dresden/Münster

Ein großer und renommierter Akteur der klassischen Musikszene Deutschlands zieht sich vom aktiven Konzertleben zurück. Der Trompeter Ludwig Güttler, der 2023 sein 80. Lebensjahr vollendet, wird am 1. Januar in einem Festkonzert geehrt und verabschiedet. An einen üblichen „Ruhestand“ aber verliert Güttler keinen Gedanken. Das verriet er im Interview.»«

Von Johannes Loy

Ludwig Güttler 2018 bei einem Konzert im sächsischen Lauenstein Foto: imago/Matthias Schumann

Der Dresdner Trompeter und Dirigent Ludwig Güttler wird Ende 2022 seine aktive künstlerische Tätigkeit beenden. Das gab die Stiftung Frauenkirche vor wenigen Tagen in Dresden bekannt. Ein Abschiedskonzert sei für den 1. Januar 2023 in der Frauenkirche geplant, sagte Stiftungsgeschäftsführerin Maria Noth. Der 79-jährige Güttler, der aus Altersgründen aufhört, wird dann Ehrengast sein. Güttler hatte den Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche wesentlich mit vorangebracht. Er gestaltete zahlreiche Konzerte in der wiederaufgebauten Barockkirche, die 2005 neu eingeweiht wurde. Wir sprachen mit Ludwig Güttler, der auch im Münsterland über viele Jahrzehnte ein gern gesehener Gast war.

Jetzt zum 2023 bevorstehenden 80. Geburtstag einen Schlusspunkt zu setzen und aufzuhören: War das für Sie eine schon lange gesetzte Zielmarke, oder sind Sie sozusagen etappenweise auf das Finale zugegangen?

Ludwig Güttler

Güttler: Sowohl als auch. Ich möchte vorausschicken, dass ich sehr dankbar bin für das, was mir gelungen ist. Es wäre ja, wenn ich schon 15 Jahre gewissermaßen über der Norm bin, regelrecht infantil zu glauben, dass das im 16. und 17. Jahr einfach so weitergeht. Ich trauere also jetzt nicht, dass ich aufhöre, sondern freue mich, dass es mir gelungen ist, die Zeit gewissermaßen „zu überspielen“. Auch im Vergleich zu vielen verehrten Kollegen im Trompetenfach, die viel früher aufgehört haben als ich.

Sie haben Ihre Beziehungen zum Münsterland ja intensiv gepflegt, mit Konzerten in Münster und vor allem auch bei den vorweihnachtlichen Konzerten in Ladbergen …

Güttler: Das Münsterland ist ein Begriff für mich. Wir waren jährlich einmal präsent, mehr war ja im Grunde auch kaum möglich, weil der Tag nur 24 Stunden und das Jahr nur 365 Tage hat. Mit Günther Haug (1947-2017) und dem Freundeskreis der Frauenkirche in Ladbergen fühlte ich mich eng verbunden. Haug war ja ursprünglich Chef im Hotel Taschenbergpalais in Dresden, er ging wegen eines familiären Erbfalls dann 1998 als Chef ans „Hotel Gasthaus zur Post“ in Ladbergen, und wir konnten so unsere langjährige Beziehung weiter pflegen. Wir haben in Ladbergen über die Jahre in vielen wechselnden Besetzungen gespielt und auch das Weihnachtsoratorium präsentiert. Und der Zuspruch bei diesen Konzerten im Münsterland war ganz wunderbar.

Was haben Sie bis zur Verabschiedung zum Neuen Jahr 2023 noch vor?

Güttler: Wir beginnen in der Adventszeit mit weihnachtlich gestimmten Blechbläser-Weihnachtskonzerten, sind unter anderem in Essen, Köln und Mannheim zu Gast. Und traditionsgemäß präsentieren wir das Weihnachtsoratorium in der Dresdner Frauenkirche.

Man mag sich eigentlich gar nicht vorstellen, dass Sie komplett aufhören. Unterrichten Sie weiter? Schreiben Sie ein Buch?

Ludwig Güttler

Güttler: Das weiß ich noch nicht – und das verrate ich auch nicht. Zunächst einmal habe ich drei Bedürfnisse: Kurzfristige, mittelfristige und langfristige Erholung (lacht). Ich trete also kürzer, hole tief Luft und habe viele Pläne. Aber ich muss erst einmal sehen, wie diese Pläne sich gegenseitig gewichten lassen…

Sie haben sich vor Jahrzehnten mit vollem Elan dem Wiederaufbau der Frauenkirche verschrieben. War es für Sie absehbar, dass dieses ambitionierte Vorhaben gelingt?

Güttler: Wir haben schon drauf vertraut, dass das irgendwann klappt. Es war uns aber vergleichsweise nicht so wichtig, wie lange das dauern würde. Wir haben übrigens rund 1500 Konzerte für diesen Zweck gespielt. So erinnere ich gerne etwa an die Paukenschlag-Konzerte, auch das Fernsehen hat aktiv und wirkungsvoll geholfen. Es kamen bei diesem Großprojekt viele sich gegenseitig verstärkende Momente ins Spiel. So denke ich heute voller Dankbarkeit an die vielen beteiligten Musikerinnen und Musiker, Kolleginnen und Kollegen, an Veranstalter und natürlich an das Publikum. Und es gab in meiner Laufbahn viele weitere unvergessene und prägende Momente, für die ich dankbar bin.

Welches Instrument haben Sie eigentlich lieber gespielt? Die Trompete oder doch das Corno da Caccia?

Güttler: Das kann ich so gar nicht sagen…

Na ja, weil man ja sagt, das Horn sei besonders anspruchsvoll und im Ansatz launisch…

Güttler: Das kommt ganz darauf an. Es gibt heikle Werke für das eine wie für das andere Instrument…

Gibt es denn einen absoluten Lieblingskomponisten für Sie?

Güttler: Nein, den gibt es nicht, mich stört dabei eigentlich auch das Wort „absolut“. Ich habe durchaus mehrere Lieblingskomponisten, pflege da also keine Beliebigkeit. Aber eines ist in diesem Zusammenhang ganz sicher hervorzuheben: Vor Johann Sebastian Bach versagen unsere üblichen Wertmaßstäbe….

Sie haben gewissermaßen jeweils die Hälfte Ihres Lebens in der DDR und im wiedervereinigten Deutschland verbracht. Wie sehen Sie den Prozess der Vereinigung heute?

Güttler: Das wiedervereinigte Deutschland ist aus gegenwärtiger Sicht ein unglaubliches und den Wünschen vieler Menschen entsprechendes Ergebnis. Dass der Prozess für den einen oder anderen nicht einfach werden würde, war aber absehbar. Aber zu diesem politischen Prozess in einem vereinigten Europa gab es keine Alternative. Wer in diesem Prozess unternehmerisch gedacht und gehandelt hat, war auf der günstigen Seite. Wobei ich hier in diesem Zusammenhang das Wort „Unternehmer“ gerne als das Gegenteil von „Unterlasser“ definiere.

Es hat mich sehr gefreut, mit Ihnen zu sprechen. Ich wünsche Ihnen jetzt schon alles Gute für die letzten Konzertwochen und Ihren Ruhestand…

Güttler: Ein Ruhestand wird das garantiert nicht (lacht)…

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