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Dr. Anke Kramer leitet die Droste-Forschungsstelle

„Eine Dichterin am Puls der Zeit“

Münster

Nein, Annette von Droste-Hülshoff ist nicht „von gestern“. Die Germanistin Dr. Anke Kramer, seit wenigen Monaten Leiterin der Droste-Forschungsstelle der Literaturkommission für Westfalen, erklärt im Interview, warum die Dichterin und ihre Weltsicht auch heute noch spannenden Lese- und Forschungsstoff liefern.

Von Johannes Loyund

Dr. Anke Kramer ist seit dem Frühjahr Leiterin der Droste-Forschungsstelle der Literaturkommission für Westfalen.Zu den Kostbarkeiten im Besitz der Droste-Forschungsstelle gehört ein Fotoalbum aus dem Umfeld der Annette von Droste-Hülshoff. Foto: Johannes Loy

Seit dem 1. April ist die Germanistin Dr. Anke Kramer Leiterin der Droste-Forschungsstelle der Literaturkommission für Westfalen. Im Dachgeschoss des Erbdrostenhofs hat sie sich als Nachfolgerin von Dr. Jochen Grywatsch bereits eingearbeitet. Wir sprachen mit der Forscherin über ihren Werdegang, ihren Zugang zur Droste und die anstehenden Aufgaben.

Frau Kramer, wann kamen Sie das erste Mal mit dem Werk der Annette von Droste-Hülshoff in Kontakt?

Anke Kramer: Am Gymnasium in Regensburg. Wir haben die Judenbuche gelesen – und das hat mir überhaupt nicht gefallen. Aber das lag nicht am literarischen Stoff, sondern eher an der Art der Vermittlung. Es hat sich also der Wunsch verfestigt: Man muss der Schule und den Lehrerinnen und Lehrern Instrumente an die Hand geben, dass man einen solchen Stoff besser vermittelt.

Wie hat sich Ihr Interesse an der Droste dann weiterentwickelt?

Kramer: Im Studium bin ich immer wieder auf sie gestoßen, und ich erinnere mich daran, dass Droste mich im Themenbereich der Feministischen Literatur mit ihrem Gedicht „Am Turme“ besonders ansprach. In meiner Doktorarbeit über „Wasser als Medium der Wahrnehmung bei Novalis, Annette von Droste-Hülshoff und Theodor Fontane“ habe ich mich intensiv mit ihr befasst. 2019 habe ich als Wissenschaftlerin einen Vortrag über ökologische Gedanken in Drostes Werk gehalten. Das hat zusätzlich Forscherfreude ausgelöst und mich regelrecht fasziniert.

Und dann kam der Ruf nach Münster...

Kramer: Eine spannende Aufgabe und Herausforderung! Im Zentrum steht die Droste-Forschung, gleichzeitig bin ich auch für das Westfälische Literaturarchiv zuständig. Meine Arbeit dreht sich sowohl um Erforschung, zugleich um Vermittlung Drostes und ihres Werks mit Lesungen, Vorträgen und Ausstellungen.

Wir Münsterländer sind mit der Droste schulisch in Berührung gekommen, für viele sind Leben und Schaffen der Droste aber doch weit weg. Was sagt uns Annette heute?

Kramer: Annette von Droste-Hülshoff war als Dichterin stets am Puls der Zeit. Sie hat die Diskurse und gerade die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Zeit zur Kenntnis genommen und verarbeitet und sich zum Beispiel mit der Frage befasst, ob Pflanzen Gefühle haben. Ihr Blick auf Natur und Welt war klar und unverstellt.

Dr. Anke Kramer

Mit Blick etwa auf das „Geistliche Jahr“ kam uns die Droste vor allem frömmlerisch vor, aber sie kannte ja auch tiefe Existenzzweifel ...

Kramer: Sie hat sich gerade im Hinblick auf ihren Glauben das Leben schwer gemacht. Die Arbeit am „Geistlichen Jahr“ hat sie fast 20 Jahre unterbrochen. Es gingen ihr auch Gewissheiten verloren, sie geriet in schwere Krisen und stand dabei unter genauer Beobachtung durch ihre strenggläubige Verwandtschaft.

An welchen Projekten arbeiten Sie jetzt gerade?

Kramer: Wir feiern in diesen Tagen das 20-jährige Bestehen des Westfälischen Literaturarchivs mit einer Ausstellung im Internet über Tiere in der Literatur unter dem Titel „Archivierte Tiere“. Der Zugang erfolgt über die Online-Adresse www.archivierte-tiere.lwl.org.

Manche meinen mit Blick auf Annette, da sei doch eigentlich längst alles erforscht...

Kramer: Ganz und gar nicht! Es gibt immer neue Blickwinkel, aus denen man ihr Werk untersuchen kann. Gerade die jetzt immer stärker ökologisch interessierten Geisteswissenschaften können Drostes literarische Texte neu aufschließen. Auch das Center for Litera­ture nimmt diesen Aspekt wie auch das Rollenverständnis der Geschlechter zur Zeit Drostes in den Blick. Ein Hauptprojekt des Westfälischen Literaturarchivs ist übrigens die Digitalisierung des Meersburger Nachlasses, der seit 2018 im LWL-Archivamt in Münster sukzessive eingescannt wird. In diesem Nachlass befindet sich ein Großteil der wichtigen Werke Drostes. Es wird spannend sein, mit diesen Arbeiten zu forschen. Man kann etwa an den Gedichten erkennen, wie die Dichterin gearbeitet hat, wie sie nach Wörtern und Varianten suchte, sie einsetzte und wieder verwarf.

Es ist erstaunlich, über welchen großen Wortschatz auch die junge Annette schon verfügte ...

Kostbarkeit: ein Fotoalbum aus dem Umfeld der Droste Foto: Johannes Loy

Kramer: Sie hat nie eine Universität besucht, aber sie genoss eine Privatlehrer-Ausbildung. Sie war zudem eine besessene Leserin und hat die unterschiedlichen Schlossbibliotheken daheim und bei der Verwandtschaft in Westfalen geradezu leergelesen. Über aktuelle Zeitschriften und viele persönliche Kontakte von Geologen bis hin zu Geisteswissenschaftlern vertiefte sie permanent ihr Wissen über die Welt.

Noch einmal ein Blick auf die moderne Droste-Forschung: War Annette eine Feministin?

Kramer: Den Begriff gab es zu Drostes Lebzeiten noch nicht. Aber wenn man Feminismus als Kritik an der strukturellen Benachteiligung von Frauen versteht, dann war Droste ganz klar Feministin. Sie war dabei vorsichtig und hat auch nicht einfach alte Traditionen ausgekippt. Sie achtete die bestehenden Strukturen, hat aber auch darunter gelitten und dagegen aufbegehrt, wie etwa beim Erwerb des Fürstenhäusles in Meersburg als Zeichen ihrer Emanzipation.

Und wie war das mit Liebe und Eros bei Annette?

Kramer: Über vieles können wir nur spekulieren. Sicher ist sie als junges Mädchen verliebt gewesen, eine junge Beziehung wurde gar von ihrer Verwandtschaft hintertrieben. Ob das bereits die große Liebe für sie war, wissen wir nicht. Vermutlich verfügen wir nur über zehn Prozent ihrer Briefe, weil sie vermutlich Heikles verworfen und vernichtet hat. Und so bleiben für die Nachwelt viele Leerstellen und Interpretationsspielräume.

Wir haben nun ein dichtes Geflecht an Droste- und Literaturorten im Münsterland: Haus Nottbeck, das Center for Literature, die Droste-Gesellschaft mit Sitz im Rüschhaus. Wo ordnen Sie sich ein?

Kramer: Wir hier in der Forschungsstelle sind sozusagen die wissenschaftliche Schnittstelle. Wir wollen Gespräche in Gang halten und produktiv mit allen zusammenarbeiten.

Gibt es die realistische Chance auf Neuentdeckungen bei Annette?

Kramer: Auf jeden Fall gibt es genug Themen und neue Blickwinkel, unter denen man das Werk der Annette von Droste-Hülshoff beleuchten kann. Die gesellschaftlichen und kulturellen Debatten ändern sich ständig – und damit ändert sich auch der Blick auf Droste und ihr Werk. Im Übrigen ist nicht einmal ausgeschlossen, dass wir auch künftig noch hier und da bei Auktionen oder in Adelsarchiven mal das eine oder andere beschriebene Blatt Drostes finden. Damals haben nämlich viele Adelsfamilien Alben und Stammbücher angelegt, in denen sich die Gäste und Besucher mit Gelegenheitsgedichten verewigen durften. Vielleich machen wir da noch die eine oder andere Entdeckung.

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