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Schonebergs „Neue Namen“ mit Diana Tishchenko

Eine Illusion von Leichtigkeit

Münster

Eine Frau und ihr Instrument: Die einzigen Hilfsmittel sind Kinnhalter und Schulterstütze an Diana Tishchenkos Violine aus der Werkstatt von Carlo Bergonzi. So puristisch und gleichzeitig vollständig wie ihr kürzlicher Auftritt im Rathausfestsaal ist die Musik, die die ukrainische Violinistin für ihr jüngstes Schonebergkonzert ausgewählt hatte.

Von Robin Gerke

Diana Tshchenko im Rathausfestsaal in Münster Foto: Gerke

Kein Klavier, kein Notenpult, nur eine Frau und ihr Instrument. Die einzigen Hilfsmittel sind Kinnhalter und Schulterstütze an Diana Tishchenkos Violine aus der Werkstatt von Carlo Bergonzi. So puristisch und gleichzeitig vollständig wie ihr kürzlicher Auftritt im Rathausfestsaal ist die Musik, die die ukrainische Violinistin ausgewählt hat. Die Drei Partiten von Johann Sebastian Bach bedürfen keinerlei Beiwerk, Arpeggien und Doppelgriffe schaffen ein außergewöhnliches Maß an Zweistimmigkeit und Klangfülle. Die natürliche, reduzierte Leichtigkeit, mit der Tishchenko diese Musik rein optisch darbietet, bleibt auch bestehen, wenn man die Augen schließt. Diese Illusion von Leichtigkeit ist der vielleicht gängigste Indikator für nicht nur technisch brillantes Spiel, sondern auch für eine tiefgehende Auseinandersetzung mit dem Material. Nachdem man sich genüsslich in Partita 1 und 3 verloren hat, braucht es jedoch ein wenig Kontrastprogramm, man freut sich auf Alfred Schnittkes „A Paganini“. Aber so soll es nicht kommen. Tishchenko hat sich entschieden, stattdessen ein Werk eines ukrainischen Komponisten zu spielen. Bohdan Sehins „Letztes Wiegenlied“ ist der Protagonistin des heutigen Abends gewidmet und erst vor kurzem in Zusammenarbeit mit ihr entstanden. Es ist geprägt von geisterhaften Glissandi im Pizzicato, einige Takte Wiegenlied-Melodie verstummen ratlos, werden unterbrochen von dissonanten Klagen oder einem durchdringenden Fliegeralarm. Trotzig, vernarbt und doch stolz endet das Stück in einer unverkennbar slawischen Melodie – Tishchenko hat eine wirklich gute und wichtige Entscheidung getroffen. Auch der Entschluss, die zweite Partita ans Ende zu nehmen ist geistreich, denn die abschließende Ciac­cona ist an emotionalem Gehalt und Klangpracht innerhalb der Partiten unübertroffen. Das anerkennende Raunen, das sich stets unter den Applaus mischt, ist zum Schluss am lautesten – nur übertroffen nach der grandiosen Dreingabe von Eugène Ysaÿes Ballade.

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