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Glosters Mikrokulturfestival am Rieselwärterhäuschen 19

Elisabeth Hauptmann und ihr Leitstern Brecht

Münster

Große Künstler verfallen gern der Pose des unwiderstehlichen Don Juan – „viel Weib, viel Ehr!“. Speziell Dichter sind anfällig, ihr Selbstbewusstsein fürs geschliffene Wort setzt sie eher selten ins Bild über die Reichweite ihrer Ausstrahlung. Hier kann Bertolt Brecht als Frauenheld-Sonderfall gelten, der sich im amourösen Nahgefecht der dichterischen Dienste seiner Geliebten versicherte, furchtlos noch da, wo ihm die Polygamie-Jonglage krachend misslang. Zu Brechts Frauen, die ihm intellektuell und künstlerisch Paroli boten, zählte Elisabeth Hauptmann (1897-1973), an zahlreichen Großprojekten Brechts wie „Dreigroschenoper“ oder „Happy End“ als Co-Autorin beteiligt. Die Lesung Julia von Sells aus dem Elisabeth-Hauptmann-Lesebuch (Nyland) bei Glosters Mikrokulturfestival „Im Rieselfelderhäuschen 19“: „Die Selbst-Autorin“ zeigte eine eigenwillige, dabei souveräne Persönlichkeit.

Günter Moseler

Julia von Sell las bei Wind und Wetter in den Rieselfeldern aus Texten der Schriftstellerin Elisabeth Hauptmann. Foto: Moseler

Das miniaturistische Rieselwärterhäuschen auf offenem Feld erwies sich als ideale Rezitationskulisse: Graugänse zogen zeternd über die Köpfe hinweg, Wind und Wetter blieben ungemütlich – anders hätte die Hauptmann nie sein können und wollen. „Es muss spannend sein – wie schafft man das beim Schreiben, dass auch andere daran Spaß haben?“, sinniert sie, wo es um ihre literarischen Vorlieben geht. Der verschachtelte Reigen reicht von Theodor Storm über Rainer Maria Rilke bis zu Detlev von Liliencron und landet schließlich bei Brecht. Er ist ihr als Dichter der literarische Stern, der ihr in der Ferne leuchtet.

Ein gewisser lakonischer Stil durchzieht das Schreiben Hauptmanns, in „Bessie Soundso. Eine Geschichte von der Heilsarmee“, von brechtschen Motiven flankiert: Religion und Bekehrer-Pathos, Individuum und Menge, das große Erdbeben in San Francisco 1906 als Katharsis: „Es ist nicht so, als ob eine Stadt einfach wie ein Blumentopf ins Meer geschmissen wird (…), die Bewohner einer Stadt, die von einem Beben heimgesucht wird, haben Zeiten genug, alle Qualen auszukosten, (...) die ein Mensch nur durchmachen kann“. Julia von Sell las mit fast leichter Stimme, ohne dramatisch zu forcieren und mit teils komödiantischer Note, nuanciert, aber nie überzeichnend. Kleine Gesten bewirkten theatralische Akzente, mit denen die Texte diskret illustriert schienen. Wort und Betonung blieben klar. Ein Song aus Brecht/Weills Songspiel „Happy End“ setzte den Schlusspunkt der Lesung, wie ein Credo der Hauptmann: „Wenn ich in der Hölle brenne / (…) / Schließlich ist das doch erst morgen / morgen, das sind keine Sorgen“. Herzlicher Beifall.

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