Münsters Skandal-Punkband „Äni(x)väx“

Erstes Album nach 32 Jahren

Münster

Skandalös. Legendär. Historisch. Und dabei nie ein Album veröffentlich: Münsters Kult-Punk-Band legt jetzt nach.

Peter Sauer

Beliebt, berühmt und berüchtigt: Am 28. Januar 1989 zeigte sich „Äni(x)väx“-Sänger Adam Riese im Schottenrock und Bassist Carsten Krystofiak mit Zylinder bei Konzert im „Odeon“, dem einzigen Reunions-Konzert der 1988 aufgelösten Band bislang. Foto: Privat

„Verstärker an, verzerrter Klang. Die Wände fangen zu zittern an.“ So beginnt der Song, der den gleichen Namen trägt wie jene Band, die in den 1980er Jahren Münsters skandalöseste Punkband war: Äni(x)väx. Sie ging bundesweit auf Tour und war selbst auf amerikanischen oder australischen Compilation-Tapes zu finden. Obwohl kaum jemand wusste, wie man den Bandnamen ausspricht. Änimälwäx – ein Code für animal vaccination (Tierimpfung).

Zu Lebzeiten schaffte es Äni(x)väx zu keinem eigenen Album. Das holt die Band jetzt nach – 32 Jahre nach ihrem letzten Konzert. Die Idee hatte Thomas Lenz vom renommierten Punk-Label „Power it up“. Die LP „Schock und Drama“ erschien am 14. Mai.

Und was ist drauf? „Nur Geschrei und Gedröhne“, wie 1986 ein geschockter Zeitungsredakteur schrieb? Mitnichten. „Wir hatten einige Live-Songs nur noch auf abgenudelten Kassetten. Also musste das Material unbedingt überarbeitet werden“, sagt Äni(x)väx-Sänger Adam Riese, „das ist aber sehr behutsam geschehen“. Die 13 Titel sind vom Sound her anarchisch und rau geblieben, aber jetzt deutlich besser zu verstehen, als alles, was von der Band zuvor durchs Internet geisterte.

Die authentische Zeitkapsel treibt den Pogo in die Beine, besonders gut bei der Live-Version von „Sex, Pizza, Rock’n’Roll“. Dort hört man das Klatschen einer Pizza, die in das Gesicht eines Zuschauers fliegt. Nicht aus der Küche. Von der Bühne! „Damit hatten wir im Musikclub Odeon eine veritable Pizzaschlacht mit 600 Fans eröffnet“, erinnert sich Riese gut an die Live-Exzesse. Mit Publikumsbeschimpfungen, Käfigtänzerinnen und Klo auf der Bühne.

„Schock und Drama“

Manche Texte von Äni(x)väx haben an Aktualität nichts verloren. So kritisieren sie in „Pseudo-Hardcore“ Suff-und Randale-Punks, die bei einem Konzert in der Kronenburg auf offener Straße das Kneipenmobiliar zertrümmerten, bis die Polizei die Veranstaltung beendete. In „Tote werfen keine Schatten“ warnen Äni(x)väx vor dem Wiederaufkeimen braunen Gedankenguts. So laut, dass der Produzent danach einen Hörsturz erlitt. Der Song „Schock und Drama“ war 1984 auch in der DDR ein Hit. „Dort wurde unsere Musik auf kopierten Kassetten weitergegeben.“

Als Punk färbte sich Riese die Haare blond, orange oder rot. Wie viel Punk steckt 2021 noch in ihm? „Die Liebe zur Musik ist geblieben und zur Kreativität. Ich kleide mich nach demselben Prinzip wie damals: Ich ziehe an, was mir gefällt.“ Die Liebe zum Schottenkaro findet sich jetzt aber bei Einstecktüchern und Anzügen als bei den beinfreien Punk­röcken. Ein Band-Comeback schließt Riese aus trotz Angeboten, etwa vom Vain­stream-Festival: „Ich habe zu viele Bands gesehen, die Jahrzehnte nach ihrer Auflösung wieder aufgetreten sind und weit hinter ihrem alten Glanz zurückgeblieben sind.“

Äni(x)väx heute

Das machen die Äni(x)väx-Herren heute: Sänger Adam Riese arbeitet als Mathematiker und Moderator (“Die Adam Riese Show“), Bassist Carsten Krystofiak als Autor, Gitarrist Frank Naber als Sozialarbeiter, Fast Gonzo ist in Berlin verschollen. Schlagzeuger Steve Jeske lebt als Sanitärklempner in Borghorst, sein Nachfolger Henk Hakker als Musikmanager in Köln und der letzte Drummer Hirzel Hirzelnsen als Tontechniker und Instrumentalist in Münster. pesa

So bleibt nur das Album „Schock und Drama“: Die Punkparty hat keine Patina angesetzt, das Booklet voller Fotos, Zeichnungen und Liner Notes weckt weitere schöne Erinnerungen an eine Zeit, wo alles möglich schien.

Erhältlich ist die LP nur bei Green Hell (Winkelstraße 10), Salamon (Windthorststraße 45), Extrabuch (Spiekerhof 23), Krenkrach Records (Hansaring 5) und Poptanke (Bremer Straße 27). Die limitierte „Münster-Edition“ gibt es in rotem Vinyl, Vorbestellungen sind online möglich.

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