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Frank Behnke zeigt die Modernität von Anton Tschechows „Möwe“

Figuren in einer Flut der Enttäuschungen

Münster

Frank Behnke hatte als Schauspieldirektor in Münster schon einen großen Erfolg mit Tschechows „Platonow“. Zum Abschied legte er mit der berühmten „Möwe“ nach.

Harald Suerland

Die Diva Arkadina (Birte Leest) lässt sich mal kurz dazu herab, ihrem Sohn Foto: Oliver Berg

Wo sie geht und steht, da ist das Zentrum. Die gefeierte Arkadina hat auch im wahren Leben die Rolle der Schauspielerin verinnerlicht. Und wenn ihr ambitionierter Sohn Konstantin sein modernes Theaterstück aufführt, führt sie die kopfschüttelnde Häme des kleinen Publikums an. Selbst ihr Lob für die junge Darstellerin Nina klingt giftig: „Mit diesem Aussehen und dieser Stimme wäre es ein Verbrechen, hier in Münster zu verschimmeln.“

Birte Leest als Arkadina mit kunstvoll drapierter Diven-Frisur und leuchtend rotem Outfit ist eine veritable Zicke in Frank Behnkes Abschiedsinszenierung, die vor Pfingsten gestreamt wurde und vielleicht noch live im Theater präsentiert wird. Das Grelle dieser weiblichen Hauptfigur, von Birte Leest mit abrupten Stimmungswechseln hinreißend umgesetzt, ist charakteristisch für eine Tschechow-Inszenierung, mit der Münsters scheidender Schauspieldirektor sich treu bleibt: Da tröpfelt nicht sanft die Melancholie von der Bühne, sondern da reißt eine Sturzflut der Enttäuschungen die Figuren in den Abgrund: Bis zum Wahnsinn ist es für die Arkadina nur ein kleiner Schritt.

Julian Karl Kluge als ihr Sohn Konstantin hat selbst das Theaterstück im Stück inszeniert, als Performance mit Video und Beuys-Hasen. Als weiß gekleideter Hoffnungsträger der Kunst ist er unter der Fuchtel dieser Mutter und ihrer Entourage zum Scheitern verurteilt, selbst wenn er allmählich schreibend Anerkennung erntet. Sehr schön, wie Regisseur Behnke im Schlussakt das Um-sich-Kreisen der Arkadina-Gesellschaft mitsamt ihrem Pseudo-Puschkin Trigorin (Joachim Foerster) zeigt, während der Außenseiter-Sohn noch einmal der Titelfigur begegnet: Jung-Schauspielerin Nina, die sich selbst mit einer Möwe verglich, hat es zwei Jahre nach der anfänglichen Premiere zur reisenden Provinz-Duse geschafft. Marlene Goksch spielt diese sympathischste Figur in Tschechows bitterer „Komödie“ sehr genau zwischen Trauer und Trotz.

„Das Wichtigste für jeden ist, auszuhalten, was ihm geschieht“: So hat Übersetzer Thomas Brasch ihren zentralen Satz formuliert und das „Leiden“ der älteren Urban-Übersetzung ein wenig auf den Boden des Alltags geholt. Ausstattung und Kostüme (Ralph Zeger, Luisa Wandschneider) variieren das Rot der Arkadina von verschiedenen Kleidungsstücken bis hin zur verblassten Farbe der hübsch-hässlichen Plastik-Stapelstühle. Zeitgemäße Einsprengsel wie FFP2-Maske oder der Hinweis aus Nawalny lassen keine Zweifel aufkommen: Das ist ein Stück von heute. Und so gelungen die Umsetzung im Video-Stream auch war: Man möchte es auf der Bühne sehen.

Weitere Termine sind in Planung und werden demnächst veröffentlicht.

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