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Soundseeing-Festival: Paul Plampers faszinierendes Hörspiel

Geister verführen Bürger

Münster

„Wie du aussiehst, so wirst du angesehen“, spricht ein Schauspieler des Theaters von Leerstadt einem Reporter ins Mikrofon und zitiert damit seine Rolle: den Hauptmann von Köpenick in Carl Zuckmayers gleichnamiger Tragikomödie. In der lakonischen Antwort schwingt bitterer, erfahrungsgetränkter Hintersinn mit. Der Hauptdarsteller stammt aus Kamerun.

Wolfgang A. Müller

Das Publikum wird umgeben von Lautsprechern (plus einer auf dem grünen Sprungbrett) Ohrenzeuge des Hörspiels „Der Absprung“ von Paul Plamper. Foto: Wolfgang A. Müller

Willkommen in einer fiktiven ostdeutschen Gemeinde, deren Terrain beim Sound­seeing-Festival von 20 im Kreis angeordneten Lautsprechern im Rathausinnenhof abgesteckt wird. In seinem Zentrum, auf rund drei Dutzend Stühlen oder auf dem Teppichboden kauernd, das Publikum. Es wird Ohrenzeuge einer gescheiterten Emanzipation und einer beklemmenden, politisch ins­trumentalisierten Auseinandersetzung: Das Bühnenprojekt eines multinationalen Ensembles nimmt dort der Exponent eines neu-rechten „Bürgerbundes“ zum Anlass, einen Boykott des Theaters zu initiieren. Als gewiefter, eloquenter Verführer, der in einer Bürgerversammlung niedrige Instinkte hervorkitzelt und zu seinem Vorteil nutzt, erlebt man Fabian Hinrichs (wie auch alle anderen, zahlreichen Mitwirkenden) hautnah und doch körperlos.

Paul Plampers Abschluss seiner Trilogie „Fremde und Geister“ löst mit seiner aufregend irritierenden Inszenierung „Der Absprung“ deren Titel verblüffend ein. Wenn der im Konflikt lavierende Oberbürgermeister (Peter Kurth) mit einer ehrenamtlichen Straßenreinigungsaktion das negative Bild seiner Stadt korrigieren will, möchte man neben sich in die Luft greifen und ihm in den Besen fallen. Doch auch er ist nur ein Geist. Allerdings, wie Plamper anschließend dem Publikum erläutert, einer mit realem Hintergrund.

Aus einem Fenster im Verbindungsgang des Stadthauses ragt ein grünes Sprungbrett frontal zum Auditorium heraus. Dort thront ein weiterer Lautsprecher, aus dem Stimmen derjenigen erklingen, die zunächst als Satelliten die Vorgänge beobachten: eine klare Kante zeigende Landrätin (Dana Weber), Journalisten, die eilfertig reißerische Schlagzeilen produzieren, oder der OB. Zu federndem Knarren überwinden sie die Distanz zur Straße, wo einfache Erklärungen indes nicht zu finden sind. Obwohl der Boykottaufruf den Erfolg des Stücks nur mehr beflügelt, springt der Hauptdarsteller, dem Leerstädter Kinder das Schwimmen beibrachten, schließlich überraschend ins Nichts.

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