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Das Wolfgang-Borchert-Theater zeigt „Die Turing-Maschine“ von Benoît Solès

Genialer Tüftler und großes Kind

Münster

Er schaffte es, „Enigma“ zu entzaubern, das Verschlüsselungssystem der Deutschen im Zweiten Weltkrieg: Alan Turing. Doch später wurde der geniale Mathematiker wegen seiner Homosexualität verurteilt. Das Wolfgang-Borchert-Theater widmet ihm ein Theaterstück.

Von Harald Suerland

Der äußerst korrekte Ermittlungsbeamte Mick Ross (Florian Bender, l.) lernt den eigenartigen Mathematiker Alan Turing (Alessandro Scheuerer) nach dem Einbruch in dessen Wohnung kennen. Foto: Weidner

Der leuchtend rote Apfel ist ein zentrales Requisit. Nicht als Symbol der Verführung, sondern als Mittel der tödlichen Vergiftung – wie im Disney-Schneewittchen-Film. Alan Turing, der diesen Zeichentrick-Klassiker liebt, spielt gleich zu Beginn mit dem roten Apfel und wird ihn später mit tödlichem Cyanid benetzen.

„Die Turing-Maschine“ im Wolfgang-Borchert-Theater ist das Porträt eines liebenswert-unbeholfenen Menschen, dessen intellektuelle Fähigkeiten ihn jedoch auf einen außergewöhnlichen Weg führen. Hat doch der historische Mathematiker Turing eine Maschine entwickelt, mit der die Engländer im Zweiten Weltkrieg das Enigma-Verschlüsselungssystem der Deutschen knacken und so im Seekrieg siegen konnten. Schon der Spielfilm „The Imitation Game“ stellte diesen ungewöhnlichen Menschen ins Zentrum.

Das Theaterstück von Benoît Solès aus dem Jahr 2017 setzt allerdings einen anderen Akzent. Regisseur Meinhard Zanger lässt anfangs in den Videos von Stephanie Kiesbeck zwar den historischen Kontext aufscheinen – aber mit Schneewittchen-Bildern und tanzenden Zahlen und Buchstaben auch die innere Welt des Alan Turing. Und der denkt nicht nur darüber nach, ob Maschinen ebenfalls denken können, sondern hat für die eigene Maschine sogar einen Namen: den seines Schulfreundes Christopher, den er liebte und der so früh starb.

Turings im Jahr 1952 noch verbotene Homosexualität, die nach einem Einbruch in seine Wohnung öffentlich wurde, steht damit weitaus stärker im Fokus des Stücks als der politische Hintergrund seiner Forschung. Nur kurz, aber intensiv wird die Debatte aufgeworfen, ob Turing nicht Mitschuld am Tod britischer Soldaten trug, weil aus taktischen Gründen nicht all seine Erkenntnisse über deutsche Angriffe zu Kriegshandlungen der Engländer führten. In der Darstellung des jungen Schauspielers Alessandro Scheuerer ist Turing ein liebenswert verschrobener, stotternder Nerd mit Schlabberklamotten, der in seiner eigenen Welt lebt und kein Interesse daran hat, etwa andere zu düpieren – ein Gegenentwurf zum arroganten Genie, das Benedict Cumberbatch im Film verkörpert. Unter seinen Gegenspielern, die Florian Bender mit schnellen Kostümwechseln auf die Bühne bringt, erscheint der Ermittlungsbeamte Mick Ross als interessanteste Figur: Dieser zutiefst bürgerliche Mann entpuppt sich als derjenige, der den Außenseiter am besten versteht.

Eine Gerichtsszene mit Stimmen aus dem Off zeigt die Verurteilung Turings, der eine Hormonbehandlung statt einer Gefängnisstrafe akzeptiert und an den daraus folgenden Depressionen zerbricht. Alan Turing, dieses große, mit Zahlen und Formeln spielende und seiner frühen Liebe nachtrauernde Kind, greift zum vergifteten Apfel. Die Premierenzuschauer honorierten die Begegnung mit diesem Außenseiter durch anhaltenden Applaus.

Nächste Vorstellungen am Samstag (30. Oktober, 20 Uhr) und Sonntag (31. Oktober, 18 Uhr)

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