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Kunsthalle Münster zeigt Mikołaj Sobczak

Geschichte wird konstruiert

Münster

Historiengemälde glorifizieren oft herrschende Verhältnisse, werden von der Obrigkeit zur Legitimation genutzt. Geschichte wird hemmungslos geplündert, wie Autokraten wie Orban oder Imperialisten wie Putin zeigen. Der polnische Künstler Mikołaj Sobczak zeigt in der Kunsthalle Münster seine Version eines Historienbildes. Und das sieht ganz anders aus.

Von Gerhard H. Kock

Die Kunsthalle Münster zeigt mit "Leibeigene" die erste institutionelle Einzelausstellung von Mikołaj Sobczak - hier: "Die Vision". Foto: Gerhard H. Kock

Ein Zufall ist es nicht, zu planen aber auch nicht: Die Kunsthalle Münster zeigt mit „Leibeigene“ von Mikołaj Sobczak eine höchst aktuelle Ausstellung – gesellschaftspolitisch wie friedenspolitisch.

Drei Jahre nach seinem Abschluss an der Kunstakademie Münster fragt die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers außerhalb Polens: Wem gehören Leib und Leben? Für die Kunsthalle hat sich der 33-Jährige an das klassische Genre Historiengemälde gewagt. Das fast zehn Meter lange und über zwei Meter hohe Werk ist monumental – in Form und Inhalt.

Ob Populisten wie Orban, der den ungarischen Hitler-Verbündeten Horthy vorbildlich nennt, oder Imperialisten wie Putin, der sich mit Zar Peter dem Großen vergleicht, – Männer im Caesarenwahn bemächtigen sich der Geschichte und konstruieren willkürlich ihr Weltbild – immer eine Vergewaltigung der Wirklichkeit. Denn die ist komplex und vielfältig. Das zeigt Mikołaj Sobczak in der Kunsthalle auf eindrucksvolle Weise.

Von Bauernkriegen bis zu Lieferando

Sein Historienbild „Die Vision“ skizziert das Verhältnis von Ausbeutung, Krieg und Widerstand – von Leibeigenschaft zu Zeiten der Bauernkriege über Sklavenmarkt in Konstantinopel und den imperialistischen Kartoffel-König Friedrich den Großen bis hin zu einem zu Marmor erstarrten Mann der „Gig Economy“ mit einem Lieferando-Rucksack, vor dem ein Mensch in Boxer-Shorts auf dem Bett ruht – Konsument und teilnahmsloser Beobachter, dem vor Augen steht, das Ausbeutung und Krieg Ursachen haben und gegenwärtig sind. Sobczak zeigt aus einem zerstörten Restaurant in Mariupol Überreste eines Mosaik mit dem Siegesbanner der ukrainischen Künstlerin Alla Horska, zeigt Migrierende, die in Italien gegen schlechte Arbeitsbedingungen protestieren.

Erinnerung an Spiegelaffäre in Münster

Auf Ausbeutung von Leib und Leben in der deutschen Geschichte verweist zum Beispiel „Pipel“. Das war die Bezeichnung für junge männliche Häftlinge in Konzentrationslagern, die sexuellem Missbrauch und Gewalt ausgesetzt waren. Immer wieder rücken queere Themen ins Bild, deren Dringlichkeit in Münster durch den Tod von Malte C. nach dem Christopher-Street-Day ’22 fürchterliche Aktualität erfahren hat. Sobczak erinnert an eine vergessene Spiegelaffäre: 1980 zertrümmerte Corny Littmann (gebürtiger Münsteraner) einen Spezialspiegel in einer öffentlichen Toilette. Die Polizei bespitzelte auf diese Weise die Homosexuellen-Szene, legte „rosa Listen“ an. „Rosa“ war jener Winkel gefärbt, den Homosexuelle in den KZ tragen mussten. Eine bösartige Kontinuität.

Es gibt solcher Geschichten viele in dieser erhellenden Ausstellung, zu der hilfreicherweise ein Booklet erschienen ist. Wer sich nicht manipulieren lassen und Geschichtsbilder nicht von einer Obrigkeit übernehmen möchte, sollte sich mit Sobczak Bildern beschäftigen.

Die Eröffnung ist am Sonntag (16. Oktober) um 12 Uhr in der Kunsthalle, Hafenweg 28. Bis 22. Januar.

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