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„Stadtbestäubung“ in „Lyrische Desinfektion“ verwandelt

Grundlos vergnügt mit Schnupfen

Münster

Live und lebendig ist natürlich schöner als digital. Aber was Münsters Stadtensemble und einige Bürger am Wochenende zum „Welttag der Poesie“ ins Netz gestellt haben, ist mehr als ein würdiger Ausgleich.

Gerhard H. Kock

An der lyrischen Desinfektion beteiligte sich Philip Gregor Grüneberg mit dem "Gespräch einer Hausschnecke mit sich selbst" von Christian Morgenstern. Foto: kok

Live und lebendig ist natürlich schöner als digital. Aber was Münsters Stadtensemble und einige Bürger am Wochenende zum „Welttag der Poesie“ ins Netz gestellt haben, ist mehr als ein würdiger Ausgleich. Quer durch den reichhaltigen deutschen Poesiegarten (mit einem Spritzer Polen) präsentiert die „Lyrische Desinfektion“ online Passendes zur Zeit und Zeitloses, das passt. Witzig, schön, anrührend und aufbauend – ein Fest aus dem Hause der Dichter und Denker.

Christian Morgenstern kannte die Corona-Krise nicht, schrieb aber trotzdem Stimmiges. Philip Gregor Grüneberg kann daher entzückend schelmisch mit dessen „Hausschnecke“ die Fragen aller Fragen stellen: „Soll i aus meim Hause raus? Soll i aus meim Hause nit raus?“ Und Carolin Wirth präsentiert mit Morgensterns „Schnupfen“ das jahreszeitliche Geräusch: „Pitschü!“

Cornelia Kupferschmid und Anna Kammer machen Lust auf herrlich alberne Spottverse wie das „Lügengedicht“: Wenn nach „Dunkel war‘s, der Mond schien helle“ der Esel sich Pantoffeln holt, können sich beide vor Lachen kaum halten.

Auch Eigenes glänzt in diesen Dichter-Clips. Münsters Buchsommelier Tilman Rademacher feiert sich in „Die Fehlbesetzung“ als Elefant, bis das Porzellan im Hintergrund zerscheppert, und erzählt vom „stehengebliebenes Lächeln“ aus der „Traumstadt“ des gebürtigen Münsteraners Peter Paul Althaus.

Rose Lohmann inszeniert mit Wislawa Szymborskas „Zwiebel“ im Wohnzimmer gar ein lustvoll ekstatisches Drama, was zugleich anschaulich macht, warum das Nobelpreiskomitee den Spitznamen der polnischen Dichterin, „Mozart der Poesie“, um „Furie Beethovens“ ergänzte . . .

Selbstverständlich fehlt der Reigen der großen Klassiker nicht, wenn Regine Andratschke an Brechts berühmte Wolke der „Erinnerung an die Marie A“ erinnert, Jonas Riemer mit Heinz Erhardts „Made“ durch Baumgeäst klettert oder Gabriele Brüning mit Mascha Kaléko „Grundlos vergnügt“ ist oder mit Eichendorff den Himmel die Erde still küssen lässt – so schmerzhaft schön.

Natürlich kommt Liebessehnsucht nicht zu kurz: Ulrike Knobloch sitzt vor einem Haufen zerknülltem Papier und „stottert“ mit Mascha Kaléka „Ich schreib dir einen Liebesbrief“; Shaun Fitzpatrick sinniert mit Heinz Erhardt über die Frage „Was wäre ein Apfel ohne -Sine“. Und traurig ist die auch: Tashina Mende rezitiert die „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, dem die Liebe abhanden gekommen ist. Thomas Nufer lässt den Philosophen, Dichter und Clown Hanns Dieter Hüsch Bedenken äußern: „Die Frage ist, die Frage ist, / sollen wir sie lieben, diese Welt? / Sollen wir sie lieben? / Ich möchte sagen, wir wollen es üben.“

Auch wenn sich die „Stadtbestäubung“ nicht leibhaftig in Münsters Stadtraum ereignen konnte, Carola von Seckendorff hat mit der Verlegung ins Netz eine gute Lösung gefunden, die viel Kreativität freigesetzt hat. Vielleicht klappt es ja doch, dass Münsters Lyrikfreunde in einem Stern-Flashmob zum Domplatz Gedichte unters Volk bringen. Das Jahr ist noch jung, und irgendwann wird auch der nervigste Virus auf- und das öffentliche Leben wieder freigeben für Kultur.

Die Beiträge sind am besten über die Facebook-Seite von Carola von Seckendorff zu erreichen.

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