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Michael Krüger beim Literaturverein

Grüße von Beckett an die Oma

Münster

Viele Jahre leitete Michael Krüger, Jahrgang 1943, den Münchner Hanser Verlag und machte ihn zur wichtigsten Adresse für deutschsprachige Literatur. Vor fünf Monaten gab er diese Tätigkeit auf. Jetzt las er auf Einladung des Literaturvereins in der Stadtbücherei eigene Gedichte vor und plauderte nebenbei amüsant aus seinem bewegten Leben.

Michael Schardt

Etwa davon, wie er als kleiner Bub stundenlang mit dem Großvater in Wald und Flur auf Kräutersuche ging, was ihn zu einem großen Naturliebhaber gemacht habe. Einige mit sonorer Stimme vorgetragene Naturgedichte aus seinem letzten Lyrikband gaben davon beredtes Zeugnis. Und Krüger erinnerte sich daran, wie sein Opa den Zorn der Großmutter auf sich zog, wenn er sein Glasauge beim Essen auf den Tisch legte.

Nicht ohne Stolz erzählte der 70-Jährige, dass seine Oma als Kind auf dem Schoß des alternden Theodor Fontane gesessen habe. Als sich in den 1950er Jahren, nach einer „Warten auf Godot“-Aufführung, dann in einer Berliner Kneipe der Autor Samuel Beckett an Krügers Tisch setzte und wie immer vor sich hin schwieg, habe er, Krüger, sich ein Herz gefasst und Beckett die Fontane-Anekdote erzählt. Beckett, ein Fontane-Liebhaber, habe zwar weiter geschwiegen, so erzählte Krüger, habe sich aber beim Hinausgehen doch zu dem Satz durchgerungen: „Grüßen Sie mir bitte Ihre Großmutter!“

Nicht weniger launig schildert Krüger auch sein jetziges Dasein als Privatier. Da er nun keine Sekretärin mehr habe, habe er sich erstmals einen Computer gekauft. Doch allein schon das Ordern einer Bahnfahrkarte sei für ihn, der zeitlebens alles von Hand aufschrieb, kompliziert. Vom Publikum erhoffte er sich einen Tipp, wie man gelesene Bücher aus dem Blickfeld schaffe. Als er unlängst beschlossen habe, Böll nicht mehr zu lesen, und sich aufmachte, um dessen Gesamtwerk in den Keller zu bringen, habe er bereits auf der Treppe ein schlechtes Gewissen bekommen: „Ich bin wieder umgekehrt und habe Heinrich um Verzeihung gebeten“, sagte er zum Ende eines schönen, heiteren Literaturabends.

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