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Münsters Orchester präsentierte Prokofjews fünfte Sinfonie

Keine „Hurra“-Musik für Russland

Münster

Corona zwingt zu ungewöhnlichen Schritten. Da die kanadische Dirigentin Keri-Lynn Wilson wegen der tückischen Infektionskrankheit passen musste, übernahm GMD Golo Berg das Ruder im siebten Sinfoniekonzert der Saison. An der zweiten Geige sprang kurzfristig eine aus der Ukraine geflüchtete Musikerin ein: Oleksandra Vorobey.

Von Chr. Schulte im Walde

Golo Berg übernahm als Dirigent die Leitung für die erkrankte Keri-Lynn Wilson.An der zweiten Geige sprang eine aus der Ukraine geflüchtete Musikerin ein: Oleksandra Vorobey. Foto: Peter Leßmann

Corona macht auch vor Dirigentinnen nicht Halt. Deshalb blieb die Begegnung mit Keri-Lynn Wilson beim siebten Sinfoniekonzert am Dienstag aus. Wie schade. Gern hätte man die kanadische Dirigentin, die inzwischen weltweit an Pulten bedeutender Orchester steht, in Münster erlebt. Das Virus kam dazwischen. Nicht zum ersten Mal, denn ein bereits vor zwei Jahren geplantes Dirigat fiel dem Corona-Lockdown zum Opfer.

Also was tun? Der Chef übernahm den Taktstock. Und Münsters Generalmusikdirektor Golo Berg hatte zusammen mit dem Publikum das Vergnügen, den Cellisten Julian Steckel an seiner Seite zu wissen. Ein unglaublich musikantisch auftrumpfender Virtuose, der Joseph Haydns Cellokonzert C-Dur mit geradezu frühlingshafter Frische entgegenkam. Kein Wölkchen zeigte sich am Streicherhimmel, stattdessen nur heiterer Sonnenschein: in den beiden raschen Ecksätzen ohnehin, aber auch im liedhaft anmutenden Adagio-Mittelsatz. Julian Steckel entlockte seinem Instrument eher grundtönige, erdene Farben, ohne je die sprühende Brillanz vermissen zu lassen, mit der Haydn etwa an den „con fuoco“-Stellen des Finales auf die Vitalität barocker Spiellaune zurückzugreifen scheint. Ein großartiger Cellist! Haydn gab es vor dem „Original“, dem Cello-Konzert, schon im Form der Haydn-Variationen, die sich Johannes Brahms ausgedacht hatte: Der wiegende „Chorale St. Antoni“, acht Mal in ganz verschiedenes Licht getaucht, gedreht und gewendet. Golo Berg machte daraus ein schönes Farbenspiel, bei dem sich vor allem die Holzbläser und Hörner von ihrer besten Seite zeigen konnten.

Und dann im zweiten Teil Sergej Prokofjews Opus 100: die 5. Sinfonie. Entstanden im Jahr 1944, uraufgeführt an dem Tag im Januar 1945, als die Rote Armee entscheidende Kriegs-„Erfolge“ verbuchen konnte! Darf man derlei Musik in diesen Zeiten überhaupt noch spielen? Golo Berg und das gesamte Orchester sagen: „Ja“! Und das ist richtig. Da mögen die Trompeten noch so tapfer und glanzvoll blasen, die große und kleine Trommel dröhnen, der zackige Rhythmus einheizen – Prokofjews Sinfonie ist alles andere als „Hurra“-Musik oder affirmatives Getue. Im Gegenteil: wie so oft steckt auch in diesem sinfonischen Klotz der Teufel im Detail. Vermeintlicher Patriotismus wird konterkariert. Was „schön“ beginnt, bekommt im weiteren Verlauf eine klar erkennbare Zwiespältigkeit und die Musik zeigt immer wieder ihren fratzenhaften Charakter. Golo Berg und das Sinfonieorchester Münster machten dies unmissverständlich deutlich. Prokofjew selbst soll sein Werk als „Hymne auf die Freiheit des menschlichen Geistes“ verstanden haben. Diese Hymne wird hoffentlich bald auch im Osten Europas wieder erklingen!

Das Konzert wird Sonntag (3. April) um 18 Uhr wiederholt.

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