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Kantor Konrad Paul erweckt die renovierte Apostelkirchenorgel wieder zum Leben

Königliche Klanggewölbe

Münster

Wer zu Silvester traditionell die Apostelkirche als Aufenthaltsort für die letzten Stunden des Jahres wählte, hatte wieder einmal Glück. Denn Kantor Konrad Paul bot ein furioses Orgelkonzert und ließ die gerade sanierte Orgel in allen Klangfarben ertönen. Unser Mitarbeiter Hans Lüttmann hat sich das angehört.

Von Hans Lüttmann

Kantor Konrad Paul begleitete die Besucher des Silvesterkonzerts in der Apostelkirche virtuos und klanggewaltig durch die letzten Minuten des alten Jahres. Foto: Lüttmann

Bach geht natürlich immer; aber es muss nicht immer jenes mit Abstand bekannteste Orgelwerk des Ewigkeitskomponisten sein, wenn „Toccata“ auf dem Programmzettel steht. Mit der „dorisch“ genannten Toccata Johann Sebastian Bachs eröffnete Kantor Konrad Paul das Silvesterkonzert in der Apostelkirche, das einige schöne Überraschungen bereithielt.

„Nach der großen Orgelkur“ freute sich der Kantor, die gründlich überarbeitete Orgel erstmals wieder konzertant erklingen zu lassen. Wobei „erklingen“ eine viel zu dürftige Umschreibung des Klangschatzes ist, der in dieser Orgel steckt – wenn man weiß, wie er zu heben ist. Und das gelang Konrad Paul schon mit dem Auftaktstück, das Bach immer wieder und vor allem dann spielte, wenn er wissen wollte, was eine ihm bis dahin unbekannte Orgel zu leisten vermochte.

Und was kann die Ott-Orgel nun nach ihrer Kur? „Sie wird viel gravitätischer, frischer und präsenter klingen“, hatte Konrad Paul versprochen und hat in jeder Beziehung, von Klangfarbe bis Register, recht behalten. Ja, sie kann donnern und dröhnen, flüstern und säuseln, schnurrpfeifen, flöten, klingeln, tirilieren und vor allem: gewaltige, Ehrfurcht erweckende Klanggewölbe bauen, die kein anderes In­strument zu bauen vermag.

Welche Willkommens-Musik für die Königin der In­strumente könnte da nach Bach besser passen als Händels prunkvoll verschnörkelte, melodienreiche und üppig verzierte „Ankunft der Königin von Saba“? (Die übrigens auch erklang, als „James Bond“ Daniel Craig die Queen bei der Eröffnung der Olympischen Spiele 2012 in London zum Helikopter eskortierte; nur, falls Günther Jauch mal fragen sollte.) Die von Noel Raws­thorne besorgte Orgelfassung entfaltet ihre expressive Kraft und Glorie nur, wenn der Klang knackig, brillant und warm zugleich funkelt und das Tempo genau so perfekt getroffen wird, wie Konrad Paul es setzte. Er zelebrierte damit eine großartige Interpretation dieses beliebten Jubelstücks.

Mit einem französischen Noël-Potpourri von Alexandre Guilmant und jazzig verklärten Weihnachtsklassikern aus der Suite „Kommt pfeift und trompt“ des 1959 geborenen Komponisten Peter Wittrich sprang Konrad Paul, der jedes Stück kurz erläuterte, vom Barock ins 20. Jahrhundert und präsentierte mit dem niedlichen Walzer („Valse mignonne“) von Sigfrid Karg-Elert eine elegante, tatsächlich aber für die Kinoorgel komponierte humoreske Miniatur, die nicht in die Kirche, sondern in den Kintopp der 1920er Jahre gehört und ein grotesk-ironisches Blauer-Engel-Ambiente heraufbeschwört.

Den krönenden Abschluss des Konzerts setzte Konrad Paul mit der feurigen Toccata aus Charles-Marie Widors berühmter Symphonie Nr. 5, die nicht nur in England zu einem festen Favoriten für frisch getraute Ehepaare geworden ist, wenn sie aus der Kirche ausziehen. Diesen, auch heute noch weltweit am häufigsten für Hochzeitstage nachgefragten Klassiker erhob Konrad Paul mit ungemeiner Spielfreude zu einem wahrhaft gigantischen Klanguniversum, in dem alles liegt, was zu sagen ist.

Mit lang anhaltendem Applaus bedankten sich die Zuhörer in der nach geltenden Corona-Regeln vollbesetzten Apostelkirche für das musikalische Feuerwerk dieser Silvesternacht.

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