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„Nicht in bester Verfassung“ und „Aber man wird doch noch!“

Kontrovers und unterhaltsam

Münster

Demokratie, Verfassung und das Recht auf Meinungsfreiheit klingen nach staubtrockenen Sonntagsreden - es sei denn ein Künstler und ein Theatermann kümmern sich drum . . .

Gerhard H. Kock

Maximilian Wigger zeigt an der Neubrückenstraße sein Video „Nicht in bester Verfassung“. Foto: Gerhard H. Kock

Das Stadtensemble zählt in diesen trüben Wochen zu den kulturellen Höhepunkten – auch, weil umtriebig neue Formate erdacht und alte Formate flexibel angepasst wurden. So ist statt des „Festivals der Demokratie“, das um ein Jahr verschoben wurde, bereits jetzt die „Werkstatt Demokratie“ zu erleben. Dass sie nicht nur analoge, sondern von vorneherein auch digitale Plattformen anbietet, ist im Lockdown ihr Vorteil. Immer wieder werden neue Arbeiten eingestellt und ausgestellt. Dieser Tage sind die beiden gebürtigen Münsteraner Maximilian Wigger und Tilman Rademacher hinzugestoßen. Der eine beschäftigt sich mit Demokratie, der andere mit Meinung, was kein Widerspruch sein muss, aber kann . . .

"Aber man wird doch noch!" heißt die Meinungsverweigerungsperformance von Tilman Rademacher. Foto: Screenshot: kok
  • Tilmann Rademacher
  • spricht eine etwas unheimliche Meinungsverweigerungsperformance mit dem Titel „Aber man wird doch noch!“ in die Web-Kamera. Er hat das Böse gesehen: die Meinung. Aber auch Til Schweiger kommt nicht gut dabei weg. Rademacher gibt den selbstkritischen Querdenker. Das ist möglich in dieser ironischen, ins Sarkastische spielenden Suada. Er ahmt die Querfrager nach: „Was darf man noch?“ „Was guckst du so?“ Der Lyriker und Schauspieler springt furios zwischen banalem Alltag und großer Politik, wechselt problemlos von der Brötchentheke zum Jüngsten Gericht. „Haben Sie eine eigene Meinung?“, fragt er und stellt die Meinungsbildung provokant in das Reich der Mythen. Es gibt schließlich wahrlich keinen Mangel an Meinung in dieser Welt, im Gegenteil wächst in dieser Meinungsinflation die Sehnsucht nach belastbaren Tatsachen, nachprüfbaren Fakten, soliden Informationen.
  • Maximilian Wigger
  • wollte und sollte ursprünglich am Hawerkamp eine Ausstellung haben. Doch Kultur-Besucher sind derzeit nicht erwünscht, dafür Passanten. Die können an der Neubrückenstraße unter einem Baugerüst sein Video „Nicht in bester Verfassung“ sehen und gleich nebenan Texte dazu lesen. Groß geschrieben wird hier der Artikel 32 der NRW-Verfassung: „Vereinigungen und Personen, die es unternehmen, die staatsbürgerlichen Freiheiten zu unterdrücken oder gegen Volk, Land oder Verfassung Gewalt anzuwenden, dürfen sich an Wahlen und Abstimmungen nicht beteiligen.“ Gewidmet ist die Arbeit dem christlichen Sozialisten Karl Arnold (CDU), der NRW-Ministerpräsident war und zu den Eltern der Landesverfassung zählt. In dem Video liegt sein von der NRW-Fahne bedeckter Leichnam auf dem Tisch umgeben von einer Gruppe, die für unterschiedliche gesellschaftliche und politische Strömungen von heute steht. Friedrich Schmerz ist dabei, ein lesbisches Paar, ein Kellner mit Migrationshintergrund bedient. Diese Repräsentanten feiern eine Party, die Speisekarte ist die Verfassung. Es wird menschlich, drinnen wie draußen. Denn dort tobt das Volk mit Fackeln. Diese verfassungsgebende Versammlung ist kein intellektueller Hörsaal, sondern auch ein körperliches Ringen. Das Video stellt Fragen nach dem Verhältnis von Bevölkerung und Politik, lässt Antworten offen bis auf die Aussage, dass Demokratie ständig im Fluss, immer schwierig, halt eine Sisy­phos­­arbeit ist.

Das Wigger-Video ist in einem leerstehenden Ladenlokal an der Neubrückenstraße zu sehen. Das Rademacher-Video steht online.

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