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„Bodytalk“ und Aktionskünstlerin Solmaz Vakilpour im Pumpenhaus

Krieg und Happening

Münster

Postmoderne wurde einmal definiert als das Nebeneinander scheinbar unvereinbarer Gegensätze. Folgt man dieser Definition, dann handelt es sich bei „Fleshmob mit Toten“ um ein durch und durch postmodernes Stück. In der Gemeinschaftsproduktion der Kompanie Bodytalk mit der Aktionskünstlerin Solmaz Vakilpour verbinden sich Pop und Politik, Trash und Flüchtlingsdrama, Krieg und Happening zu einem Ganzen, das am Ende, nachdem es durch etliche Kurven geschleudert ist, doch noch stimmig ans Ziel kommt.

Helmut Jasny

Ganz schön heftig: Die Schilderung übelster Kriegsgräuel wird beim Gastspiel von „Bodytalk“ von einem Autoreifen-Ballett begleitet. Foto: Jennifer Peterson

Thema des als „Performensch“ bezeichneten Tanztheaters sind Krieg und Flucht. Das Publikum betritt das Pumpenhaus über den Hinterhof, wo eine Schauspielerin mit einem Autoreifen um den Bauch um Rettung fleht. Auf der Bühne erzählt Vakilpour dann die Geschichte ihrer Flucht und gerät dabei immer mehr in den Tonfall eines Sportreporters, bis am Ende alle „Tooor“ schreien. Sie ist jetzt in Deutschland, sie ist Weltmeister. Ihr Kriegstrauma muss sie anschließend in einer Casting-Show unter Beweis stellen. Als „Super-Leidende“ wälzt sie sich jammernd auf dem Boden, während eine Jury ihre Darstellung kritisch kommentiert.

Im letzten Jahr hat die Exil-Iranerin die Friedensbewegung „Warless Day“ gegründet, bei der Menschen im öffentlichen Raum nackt gegen den Krieg demonstrieren. Eine solche Aktion spielt das Ensemble mit Publikumsbeteiligung nach. Als blutiger Menschenhaufen liegen die Protagonisten auf der Bühne, während die Zuschauer Kruzifixe mimen. Lassen sich auf diese Weise Kriege beenden? Diese skeptische Frage stellen die Aktivisten in den Raum und hinterfragen sich damit selbst, bevor das Publikum es tun kann.

Über weite Strecken gestaltet sich das Bühnengeschehen als Wechselbad der Gefühle. Satirische, manchmal bewusst trashig wirkende Szenen wechseln unmittelbar mit solchen von großer Intensität. So wird eine Schilderung übelster Kriegsgräuel von einem albernen Autoreifen-Ballett begleitet. Nacktspiele mit angedeuteter Entmannung werden abrupt durch eine Schweigeminute für ertrunkene Flüchtlinge im Mittelmeer unterbrochen. In der Summe kann die rund 90-minütige Aufführung aber durchaus überzeugen. Auch wenn oder gerade weil man als Zuschauer immer wieder gezwungen wird, sich mental neu auf das Bühnengeschehen einzustellen.

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