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„Skotom“ vom Ensemble Consord

Krise und Krach als Katharsis

Münster

Musik als Fluchtpunkt vor den Anforderungen der Realität – das ist eine Sehnsucht, die sich beim Konzert des Ensembles „consord“ nicht erfüllte. Doch die klingenden Weltuntergangsszenarien bargen bisweilen Fluchtwege.

Von Günter Moseler

Das schöne Idyll des Bühnenlichts änderte nichts an der Dunkelheit der Klänge. Foto: Günter Moseler

Zwei Architekturstrahler illuminieren zwei Säulen himmelblau, durch ein Oberlicht fällt imaginäres Sonnenlicht: Das schöne Illusionsidyll der Bühnenwelt. In diesem Ambiente bot das münstersche Ensemble „consord“ unter Lautaro Mura Fuentealba in der Musikhochschule sein neues Programm „Skotom“: Der rätselhafte Konzert-Titel (von altgriechisch skótos „Dunkelheit“) steht „für Leugnen, Ausblenden, Verdrängen von Teilen einer überfordernden Realität“. So der Gestus der Musik: „molto fortissimo“ und von enormer rhythmischer Flexibilität.

Der Sehnsucht nach Musik als Fluchtpunkt vor Anforderungen chaotischer wie reglementierender Realität schien hier kein Hoffnungsschimmer. Bereits Nick Didkovskys „Plague“ („Pest“) erklang als entfesseltes Rasen, vom Schlagwerk hämmernd vorangetrieben, während Holz- und Blechbläser mit Melodie- und Motivfetzen wild um sich schlugen, schier vom Eigensinn besessen schienen. Dieser in Eskalation vorwärtsstürzende, von Auflösung bedrohte wie erlöste Klang beflügelte auch die übrigen Werke in ihrem bis aufs Selbstzerstörerische dringenden Impetus. Sarah Nemtsovs „SKOTOM“ für Ensemble und Elektronik ließ über stabile Klangfelder diverse Sirenensignale etwa der Oboe aufleuchten, die auf weitere Holzbläser übergriff und den Tuttiklang regelrecht terrorisierte. Instrumentale Intervention in jeden Anschein von Krisenbefriedung schien formbildend. Nemtsovs Stück war die in sich differenzierteste Musik des Abends, die das sich-selbst-Vergewissernde der Existenz durchschimmern ließ.

Didkovskys Musik erhob das Schlagwerk zur heidnischen Gottheit. Die Uraufführung von Georgia Koumarás „Silvers of a mind palace“ verstärkte noch das Geräuschhafte der Musik inklusive finaler Ruhepause, in die hinein die Trompete einen einsamen Zapfenstreich intonierte. An diesem Abend griff die Musik Krise und Krach als Katharsis auf. Herzlicher Beifall für musikalische Weltuntergangsszenarien mit Fluchtweg.

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