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Thorsten Schmid-Kapfenburg hat eine Oper über den „Löwen von Münster“ komponiert

Kritische Fragen statt Lobhudelei

Münster

Thorsten Schmid-Kapfenburg hat den Corona-Lockdown im vergangenen Jahr wohl genutzt. Er hat eine Oper komponiert – über Kardinal von Galen, den „Löwen von Münster“. Und freut sich schon auf die Uraufführung.

Von Chr. Schulte im Waldeund

Foto: cws

Clemens August Kardinal Graf von Galen ist zweifellos eine der schillerndsten, aber auch umstrittensten Persönlichkeiten der Stadt und des Bistums Münster im 20. Jahrhundert. Den einen gilt er als mutiger Widerstandskämpfer gegen die Nazi-Diktatur, andere beklagen, er habe sein hohes bischöfliches Amt nicht genügend genutzt, die mörderische Gewalt gegen die Juden anzuprangern und ihr Einhalt zu gebieten. Kardinal von Galen – auch heute noch eine historische Gestalt, an der man sich reiben kann.

Jetzt wird der 2005 selig gesprochene Bischof zur zentralen Figur einer abendfüllenden Oper mit dem schlichten Titel „Galen (der Kardinal)“. Die Uraufführung ist für den 14. Mai 2022 im Theater Münster geplant, geschrieben hat sie Thorsten Schmid-Kapfenburg. Mit dieser Oper will Ulrich Peters, der scheidende Intendant des Theaters, einen markanten Schlusspunkt unter seine zehnjährige Arbeit am münsterschen Haus setzen. Kaum ein Sujet dürfte geeigneter sein als Kardinal von Galen.

„Als ich hierher nach Münster kam, war mir von Galen überhaupt nicht geläufig“, bekennt Schmid-Kapfenburg, 1967 in Hamburg geboren und seit 2004 als Kapellmeister am Theater Münster engagiert. „Aber schon bald bin ich immer wieder über diesen Namen gestolpert.“ Dann kam der Auftrag zum Schreiben der Oper. Und damit begann seine intensive Beschäftigung mit dem „Löwen von Münster“. Schmid-Kapfenburgs Oper konzentriert sich auf die Zeit von 1933 bis 1946. Eine konfliktreiche Epoche, in der von Galen auf der einen Seite an seinen konservativen, staatstragenden Überzeugungen festhält, auf der anderen die religionsfeindliche, menschenverachtende Ideologie der Nazis scharf verurteilt. Seine legendären Predigten in Münster werden Bestandteil der Oper sein.

„Eine Oper braucht als Voraussetzung ein gutes Libretto“, weiß Schmid-Kapfenburg, der bei Detlev Glanert Komposition studiert hat. „Und ich bin froh, mit dem Schriftsteller Stefan Moster jemanden gefunden zu haben, der ohne jede literarische Vorlage, rein anhand der historischen Fakten, ein Textbuch geschaffen hat, für das ich Feuer und Flamme geworden bin.“

Erzählt wird die Geschichte während der NS-Zeit. Von Galens Bruder tritt auf, seine Mutter, ein Gau-Leiter und ein Gestapo-Mann, ein Rabbiner und ein englischer Offizier. Und Jasmin, eine junge Frau mit Kopftuch. Sie schlägt den Bogen vom Gestern ins Heute, indem sie Fragen stellt. Kritische Fragen, die damals wie heute an Münsters „Löwen“ zu stellen wären. Denn eine Lobhudelei oder gar Heiligsprechung des seligen Bischofs will Schmid-Kapfenburgs Oper auf keinen Fall sein. Natürlich sei es ein Spagat, die wichtigen Jahre im Leben von Galens auf die Bühne zu bringen. „Er war sicher kein Befürworter der Demokratie. Und auch alles, was mit zeitgenössischer Kunst und Kultur zu tun hatte, war ihm eher ein Gräuel“, so der Komponist, der aus dem Corona-Lockdown des vergangenen Jahres den positiven Effekt ziehen konnte, eine fast 600 Seiten starke Partitur zu schreiben. Vokalsolisten, Chor und groß besetztes Orchester sind erforderlich, klanglich setzt Schmid-Kapfenburg auf Farbigkeit, nicht so sehr auf Experimentelles. „Das gibt der Opernstoff nicht her.“

Fertig sind auch die Entwürfe für das Bühnenbild: ein abstrakter, hermetischer Raum, der sich in verschiedene Spielorte verwandeln lässt, dabei zeitlos wirkt und sich öffnen kann. Man darf also gespannt sein, wenn sich im Mai der Vorhang hebt.

Das Opern-Libretto ist ab sofort in gedruckter Form an der Theaterkasse des Theaters Münster zu den üblichen Öffnungszeiten erhältlich.

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