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Energie-Spardebatte erreicht Theater und Museen

Kultureinrichtungen stehen vor neuem Krisen-Szenario

Münster/Berlin

Nach der Corona-Krise steht der Kultur im Münsterland und anderswo ein weiteres Krisen-Szenario vor Augen. Wie wird der Winter, wenn Strom und Gas eingespart werden müssen? Erste Kalkulationen werden schon durchgespielt.

Von Johannes Loy und Gerd Roth

„Die Lage ist dramatisch“, meint Kultur-Staatsministerin Claudia Roth. Längst denken auch die Kultureinrichtungen des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe wie das Landesmuseum in Münster über Sparmaßnahmen nach. Foto: Oliver Werner

Zweieinhalb Jahre befand sich die Kultur – auch im Münsterland – im Corona-Ausnahmezustand. Kaum sind die Restriktionen weitgehend aufgehoben, droht neues Ungemach; mit Blick auf Energiekrise und Kostensteigerungen wollen Bund, Länder und Kommunen Kultureinrichtungen wie Museen und Theater sowie die kulturelle Infrastruktur sichern. Doch die Spardebatten laufen an.

Noch ist im Münsterland nichts entschieden. Doch erste Überlegungen gibt es, wie etwa die Verwaltungsdirektorin des Theaters Münster, Rita Feldmann, und auch der Pressesprecher des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL), Frank Tafertshofer, mitteilen. Die Kulturabteilung des LWL sondiert konkret das Terrain. „Ausschließen können wir nichts“, sagt Tafertshofer mit Blick auf die großen Museen und Archive Westfalens. Am 18. August will der neue Landesdirektor Dr. Georg Lunemann vor der Landschaftsversammlung Pflöcke einschlagen.

Kulturstaatsministerin: Schließungen sind keine Antwort 

Was in Westfalen noch wie eine vorsichtige Krisenabschätzung aussieht, klingt in Berlin heftiger: „Die Lage ist dramatisch“, sagte Kulturstaatsministerin Claudia Roth Ende nach einem Treffen mit ihren Amtskollegen aus den Ländern sowie Vertretern der Kommunen. Während der Videokonferenz schilderte der Präsident der Bundesnetzagentur, Klaus Müller, mögliche Sofort-Maßnahmen sowie notwendige Vorbereitungen für die Wintermonate. „Wir wollen die Funktionsfähigkeit der Kultureinrichtungen sicherstellen und sie offen halten. Schließungen sind ganz sicher keine Antwort“, sagte die Grünen-Politikerin. „Die Folgen des russischen Angriffskrieges mit der Gasverknappung treffen uns alle, eben auch den Kulturbereich und die Kulturbranche, durch massive Verteuerungen.“

„Kultureinrichtungen können eine Vorbildfunktion übernehmen und sagen: Ja, wir haben verstanden, wir müssen einen Beitrag leisten“, sagte Roth. Für Einsparpotenziale sollen Stufenpläne ausgearbeitet werden, um Grenzwerte zu bestimmen und „möglicherweise auch zu definieren, was besonders schützenswerte Kulturgüter sind. Dabei soll die kulturelle Infrastruktur insgesamt erhalten bleiben. Sie hat jetzt gerade in diesen schweren Zeiten eine ganz besondere Bedeutung.“

Das Theater Münster in Festbeleuchtung. Doch der nächste Winter wird vermutlich dunkler. Foto: OLIVER BERG

Orientierungshilfe in Arbeit 

Eine Arbeitsgruppe soll nun den Austausch vorantreiben. Die Kulturminister und -ministerinnen wollen dabei gemeinsam vorgehen. Im September könnte eine Linie verabredet werden. Roth will einen Überblick über Handlungsoptionen, Best-Prac­tice-Beispiele und Worst-Case-Strategien, an denen sich die Einrichtungen länderübergreifend orientieren können. Die Museen und Einrichtungen ermittelten derzeit ihre Potenziale. „Es ist noch verfrüht, Prozentzahlen für Einsparungen zu nennen. Es sind sehr unterschiedliche Kultureinrichtungen, das muss man sich jetzt zusammen mit den Verbänden anschauen. Aber es gibt eine große Bereitschaft einzusparen und etwa zu überlegen, wie man mit den Temperaturen umgehen kann“, sagte Roth. Auf die öffentliche Hand sieht die Kulturstaatsministerin finanzielle Folgen zukommen. „In den Haushalten auch der bereits belasteten Kommunen wird es durch die Energie massive Kostensteigerung geben“, sagte Roth.

Auch die Vorsitzende der Kulturministerkonferenz, Nordrhein-Westfalens Kulturministerin Ina Brandes (CDU), betont unterdessen in einer Mitteilung, Kulturangebote sollten trotz der großen Herausforderungen der Energiekrise für das Publikum da sein. „Zudem sind Archive, Museen und Bibliotheken, wenn sie zum Beispiel bedeutsames Kulturgut aufbewahren, Teil der kritischen Infrastrukturen“, sagte sie. Daher müsse ihre Energieversorgung im Notfallplan Gas auch bei Alarm­stufe 3 priorisiert werden. Gleichzeitig müssten sich Kultureinrichtungen auf Notfälle bei der Energieversorgung vorbereiten.

Claudia Roth (Grüne), Staatsministerin für Kultur, sieht Museen und Theater angesichts der Energiekrise vor großen Herausforderungen. Foto: Oliver Berg

Mögliche Sparmaßnamen am Theater und in LWL-Museen

Am Theater Münster gehen bald die Sommerferien zu Ende. Konkrete Sparpläne jenseits eines üblicherweise zu beachtenden behutsamen Umgangs mit Beleuchtung und Heizung liegen hier noch nicht vor, sagt Verwaltungsdirektorin Rita Feldmann gegenüber unserer Zeitung. Denkbar wäre es nach ihrer Auskunft, etwa die Beleuchtung des Bühnenturms respektive Treppenhauses des Großen Hauses nachts deutlich zu reduzieren. Mit Blick auf Corona so Feldmann, sei es allerdings weiterhin nötig, die entsprechenden Be- und Entlüftungsphasen etwa im Großen Haus einzuhalten. Bei der Beheizung von Proberäumen für Tänzer oder Musiker gebe es arbeitsrechtliche Vorschriften. Feldmann: „Da können wir nicht einfach sagen: ,Zieh Dir einen Pullover an und dreh die Heizung runter!’“

Die Kulturabteilung des Landschaftsverbandes unter Landesrätin Dr. Barbara Rüschoff-Parzinger arbeitet laut LWL-Sprecher Frank Tafertshofer in dieser Woche schon an konkreteren Sparkonzepten. Dabei geht es sicher auch um die Beheizung respektive Klimatisierung der Museen und mögliche reduzierte Öffnungszeiten. Dass der Landschaftsverband Westfalen-Lippe mit seinen zahlreichen Büros, Krankenhäusern, Schulen und Kultureinrichtungen einen großen Energiehaushalt mit Sparpotenzial verwaltet, kann man sich lebhaft vorstellen.

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