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„Open House“ im Speicher II

Kunstexperimente an den Grenzen

Münster

Gebrannte Kunst, eingemachte Kunst, Sofas an der Wand – beim „Open House“ im Speicher 2 dürfen die Besucher ungewöhnliche Perspektiven und künstlerische Experimente erwarten.

Gerhard H. Kock

Judith Kaminski wandelt virtuos auf den Grenzen von digitaler und analoger Malerei. Das klassische Stillleben-Sujet der Blumenvase überlagert sich als gerechnetes und gemaltes Bild. Hubertus Huvermann experimentiert mit Übermalungen seiner Fotografien (kl. Bild). Foto: Gerhard H. Kock

Gebrannte Kunst, eingemachte Kunst, Sofas an der Wand – beim „Open House“ im Speicher 2 dürfen die Besucher ungewöhnliche Perspektiven und künstlerische Experimente erwarten. Die 30 Atelierbesitzer und ihre Gäste (insgesamt über 50 Künstler) zeigen ihre aktuellen Werke und laden am Wochenende zum Gucken und Austausch ein.

Das Atelier von Günter Wintgens könnte auch eine Speicherkammer sein. Gläser auf Regalen und Paletten. Eingeweckt ist hier gleichsam das Lebensmittel Kunst. Dabei wollte Wintgens „nur“ seine Erinnerungen loswerden, nun stehen die Zeichnungen, Fotos und Objekte in diesen runden Mini-Vitrinen auf ihrem Deckel-Sockel. Und bringen sich in Erinnerung. Gregor W. Wintgens (Sohn des Künstlers) zeigt Fotografien toter Insekten, die freigestellt sind, so dass diese global bedrohten Lebewesen fast schon wie Plastikimitate wirken, wenn sie nicht so natürlich wären. Wie zum Kontrast zeigt Susanne Koheil in diesem Atelier ihre „Vermaßungen“, zarte, scheinbar technische Zeichnungen, die als Bilder ihren Ursprung vergessen zu haben scheinen. Koheil hat Stillleben-Gemälde millimeter- und winkelgenau strukturell erfasst.

Wird hier sozusagen sinnliche Anschauung durch grafische Logik gewandelt, spielt sich die Arbeit von Judith Kaminski an den Grenzen dreier Räume ab: dimensional, digital und analog. Errechnete Bilder treffen auf der Leinwand auf gemalte Elemente, die wiederum als dicke Farbmasse zum plastischen Relief werden können. Da sind die Gemälde von Sandra Pulina fast schon klassisch. Wenn die Leinwände nicht ausrangierte Schultafeln wären. Darauf finden sich malerische Gesten, die an staubig müffelnde Pennälerzeiten erinnern, nur dass die Wischbewegungen derart gesetzt sind, dass sich in den scheinbar zufälligen Streifen Tiefe entwickelt. Außerdem überträgt Pulina Details aus Vermeer-Bildern auf die Tafeln: Das Pastell dieser Teppichmuster wirkt ob seiner Dicke fast selbst wie ein Flor.

Oft finden sich in den Ateliers Experimente: Alexander Wierer hat das immer gleiche Element auf acht Papiere gebracht, bis sich in der Addition die acht Por­träts ergaben. „Meine Heiligen“ nennt er die Figuren, die trotz der seriellen Herstellung eine faszinierend unterschiedliche Mimik zeigen. Der Fotograf Hubertus Huvermann ist unter die Maler gegangen. Er experimentiert mit Übermalungen. Dabei schwankt der malerische Zugriff aufs Foto von der Akzentuierung bis hin zu kompletter Neuerfindung der Figur durch den Pinsel.

Apropos Foto: Von der international renommierten Fotografin Anja Jensen müssen sich die Münsteraner verabschieden. Sie muss ihr Atelier verlassen, zeigt aber noch mal eine aktuelle Arbeit: „La tente bleue“. Das blaue, surreal grell leuchtende Zelt mit geheimnisvollen Lichtern und Beleuchtungen in der Umgebung steht an einer fiktiven Ausgrabungsstelle eines Eiskellers in Schleswig-Holstein.

Laura Mareen Lagemann nutzt Erinnerungen an familiäre Urlaube für komplexe Mobiles, deren Elemente vom stressigen Aufbau eines Zeltes künden. Die Werktitel sprechen Bände hinsichtlich der Grenzen menschlicher Fertigkeiten (kommunikativer wie kons­truktiver): „da kann ich grad nichts tun“, „lass das einfach liegen“ oder „kann nich sein“.

Javkhlan Ariunbold experimentiert mit Wasser. Und Farbe. Und wie die beiden so zu lenken sind, dass sich in den Aquarellen räumliche Tiefe bildet. Die vermitteln auch die Gemälde ihres Gastes Jörg Kratz, der inspiriert vom Phänomen der „Blauen Stunde“ den einzigartigen abendlichen Licht-Moment zu greifen versucht. Mit skurrilen Keramiken bringen Nadia Pereira Benavente und ihr Gast David Rauer einen neuen Akzent in den Atelierspeicher. Die Formen spielen ins Surrealistische.

Zum Thema

Das „Open House“ im Speicher 2, Hafenweg, wird am Freitag (10. Mai) um 19 Uhr eröffnet. Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag (11. und 12. Mai) von 12 bis 19 Uhr, Führungen jeweils um 15 und 17 Uhr. Eintritt frei.

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