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Michel Houellebecq las in Münster

Leise Töne über Leid, Liebe und Leben

Münster

Seine Bücher werden verschlungen. Und kaum ein Autor schreibt so schonungslos und abgrundtief über das Leben, die Liebe und das Leid in Zeiten gesellschaftlichen Niedergangs. Jetzt war der französische Schriftsteller Michel Houellebecq Gast bei den Romanisten an der Uni Münster.

Von Eva-Maria Landmesser

Gast bei den Romanisten an Münsters Universität: Star-Autor Michel Houellebecq Foto: Landmesser

Derart prominente Gäste hat die Universität Münster nicht täglich zu bieten: „Cher Michel Houellebecq, chers amis houellebecquiens!“ Mit diesen Worten begrüßte Professorin Karin Westerwelle den französischen Schriftsteller und sein Publikum im Audimax.

Anlässlich des 200. Geburtstages des Dichters und Kunstkritikers Charles Baudelaire hatte die Romanistin zusammen mit ihrem Kollegen Karl Philipp Ellerbrock von der Universität Konstanz eine Baudelaire-Fachtagung unter dem Titel „Die Verwandlung von Paris – Repräsentation, Inszenierung, Ironie“ in Münster organisiert. Auf Einladung des Romanischen Seminars der WWU las Michel Houellebecq, der als großer Baudelaire-Bewunderer an der Fachtagung teilgenommen hatte, Texte des Dichters.

Karl Philipp Ellerbrock verwies zu Beginn der Lesung auf die Resonanz von Charles Baudelaire in Houellebecqs Romanen und lud die Zuhörerinnen und Zuhörer ein, die Bezüge zu verfolgen. So hatte man dem französischen Schriftsteller die Sprecherin und Dramaturgin Sarah Giese zur Seite gestellt, die ausgewählte Passagen aus dem Werk Houellebecqs las. Giese las mit facettenreicher Intonation aus den Werken „Vernichten“, „Möglichkeit einer Insel“, „Karte und Gebiet“, „Serotonin“ und „Elementarteilchen“.

Houellebecq selbst rezitierte die Texte Baudelaires, die häufig von Tod, Schmerz und Rausch handeln, sehr leise und fast säuselnd. Dies führte jedoch nur noch mehr dazu, dass die zahlreichen Houellebecq-Freunde im Audimax nahezu an den schmalen Lippen des hageren Mannes hingen, der sich in „Karte und Gebiet“ ironisch selbst porträtiert und sein Aussehen mit dem einer „alten, kranken Schildkröte“ vergleicht.

Houellebecqs Rezitationen von „La Mort des Pauvres“ (Der Tod der Armen) oder Tagebuchauszügen wie „Wenn unser Herz einmal seine Lese gehalten hat, ist Leben nur noch ein Übel“ wirkten erdend. Baudelaires Haltung scheint sich dabei insbesondere in Houellebecqs Darstellung zwischenmenschlicher Beziehungen niederzuschlagen. So bezweifelten die Protagonisten in den ausgewählten Romanauszügen die Möglichkeit von Glück in Liebesbeziehungen oder waren von der Frage getrieben, wer wen glücklich zu machen habe.

Genauso unscheinbar, wie Michel Houellebecq das Rednerpult betreten hatte, verließ er dieses auch wieder und signierte abschließend die mitgebrachten Bücher.

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