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Lyrikertreffen: Werkstattgespräch zu Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki

Liebe, Politik und Schrecken

Münster

Was kann und was bewegt Lyrik? In einem Werkstattgespräch zum Opus des polnischen Poesiepreisträgers Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki wurde diese Frage durchdekliniert. Und es gab überraschende Erkenntnisse.

Von Günter Moseler

Moderatorin Prof. Dr. Maren Jäger (l.) mit dem Übersetzerduo Michael Zgodzay und Uljana Wolf Foto: Günter Moseler

Lyrik ist waffenlos. Weder kann sie Berge versetzen noch Stürme entfachen – aber ermessen: Lyrik bespricht das Unsagbare. In einem Gedicht des polnischen Dichters Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki (*1962) heißt es: „zwar wurde behauptet und bewiesen / poesie muss in den widerstand gehen / vor allem aber muss sie sich entziehen / jedem zugriff und verstehen“. Im Rahmen des Lyrikertreffens wurde dem Poeten der Preis der Stadt Münster für Internationale Poesie verliehen – doch fehlte der Dichter: Corona. Dafür lasen im Schlosstheater seine Übersetzer Michael Zgodzay und Uljana Wolf zweisprachig aus dem Band „Norwids Geliebte“: Gedichte, die mit lapidarem Tonfall um Erinnerung, Liebe, Politik und ungeheuerlichen Schrecken kreisen.

Es handle sich bei Dyckis Gedichtband um die „mythische Forterzählung“ einer polnisch-ukrainischen Grenzregion, so Moderatorin Prof. Dr. Maren Jäger: „Aber wir sehen in den Bildern des Grenzlandes die Hölle“: Eine Anspielung auf faschistische Umtriebe zwischen Ukrainern und Polen, die im Zweiten Weltkrieg barbarische Massaker in Wolhynien und Ostgalizien provozierten. Für die Gedichte zentral war die im Heimatdorf geächtete, an Schizophrenie leidende Mutter des Dichters inmitten desaströser Familiengeschichte – mit einem tyrannischen Vater und mörderischen Großvater, sie alle lange Verstorbene: „Mich besuchen Menschen die es / heute nicht mehr gibt (Jasiejo, / Jasiusio und Jasieczko)… /“ begann das erste, unbetitelte Gedicht.

Man wolle nicht chronologisch vorlesen, denn so ergäben sich „neue Resonanzen zwischen den Gedichten“ (Wolf), deren Rhythmus einen „schamanischen Tonfall“ (Jäger) entwickeln. So folgte man dem legeren Duktus der Gedichte, als säße man in einem Boot, das vom Ufer abstößt. Dennoch ins fast Ungewisse, denn im Familienkreis Dyckis rumoren die Dämonen nationalistischer Verblendung. Dyckis Vater verbietet die ukrainisch-polnische Mischsprache Chachlakisch, die wie ein Geheimcodex Intimität und Zuneigung zwischen Mutter und Sohn stiftet. Der Dichter Cyprian Kamil Norwid (1821-1883) wird für die Mutter zum imaginären „Geliebten“, und auch Dyckis angedeutete Homosexualität („Ich sah sehr schöne Jungs“) steht starrer Familienhierarchie entgegen.

Im ruhigen Wellengang der polnischen Sprache wirkte alles Unglück wie von selbst erkämpftem Glück bezwingbar. Dyckis Gedichte, ohne ein Wort über das Unfassbare zu verlieren, lassen es mit jedem Wort gegenwärtig werden. Es gab auch flapsige letzte Zeilen: „aber polnische poesie ob neu oder passé / legst du nicht in einer nacht flach olé!“ Das ist gerade jene Abwehr von Pathos, die Weltliteratur auch auszeichnet. Schluss: Lyrischer Beifall.

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