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„Das Interview“ feiert Premiere im Kleinen Bühnenboden

Medienwelt am Marterpfahl

Münster

Das Schauspiel „Das Interview“ nach dem gleichnamigen Filmdrama von Theo van Gogh stellt Körper, Begehren, Schein und Schmerz zur dialogischen Disposition. Im Kleinen Bühnenboden feierte das Zwei-Personen-Furioso (Regie: Jens Pallas) seine Premiere.

Von Günter Moseler

Gespräche, die ins Mark treffen: Maria Goldmann und Konrad Haller in dem Stück „Das Interview“. Foto: Hanno Endres

Zwei Torsi, weiblich und männlich, baumeln wie Gehängte an einem Drahtspieß von der Decke: Darum wird es sich drehen, das Interview von Pierre Peters mit der berühmten Schauspielerin Katja. Das Schauspiel „Das Interview“ nach dem gleichnamigen Filmdrama von Theo van Gogh stellt Körper, Begehren, Schein und Schmerz zur dialogischen Disposition. Im Kleinen Bühnenboden feierte das Zwei-Personen-Furioso (Regie: Jens Pallas) seine Premiere.

Vor einer großen Leinwand, auf der eine profane Holzvertäfelung zu kentern scheint, steht eine Art Holzpritsche, darauf liegen zwei rote Kissen; links im Vordergrund steht ein kniehoher, massiver Bücherturm. Diese spartanische Szenerie wird mit wenigen Sätzen in eine Arena verwandelt: „Sei nicht so respektlos“, mahnt Polit­reporter Pierre (undurchdringlich: Konrad Haller) seine prominente Interviewpartnerin (rasant: Maria Goldmann). „Leck mich am Arsch“, kontert diese ungerührt. Im römischen Freistil geht es weiter: „Warum spielen Sie in Scheiß-Kommerzfilmen?“, giftet Pierre. „Millionen Menschen habe ich Freude bereitet!“, triumphiert Katja.

Sehr bald mäandert das Interview vom Offiziellen ins Persönliche. Pierre legt es aufs Intime an: Warum sie in „Standhafte Mädchen“ mitgespielt habe, hakt er nach. Katja argwöhnt sofort, er wolle sie „niedermachen“. Sofort kommt sie auf ihre „Schauwerte“ zu sprechen, von „Gesicht und Titten bis Po“. Ihr Stolz scheint ungebrochen, bis Pierre plötzlich gesteht, als Kriegsberichterstatter im Bosnienkrieg gearbeitet zu haben. Erst sein Leidensniveau macht ihn für Katja seriös: „Du darfst mich alles fragen!“ Aber da fiept schon wieder ihr i-Phone: „Piccolo, Piccolo“, zwitschert die Aktrice, während in zwei Flaschen der Weinpegel rapide sinkt. Im weiter eskalierenden Entblößungskamikaze („Ist Schönheit wichtig für dich?“ – „Männer wollen mich, und dann können sie nicht“ – „Küss mich!“ – „Ich hasse dich!“) ist das Duellinterview Spiegelbild einer Öffentlichkeit im freien Fall, in der alles nichts und nichts alles ist. Sensationen und Scheinwelten wirken wie Fast Food. Der Schauspielerin entgleisen Bewegungen und Sätze in darstellerische Posen. Die schrecklichsten Erlebnisse Pierres ähneln nacherzählten Filmen. Alles klingt, als sei noch das privateste Leid längst Geisel medialer Bilder.

Da gesteht Pierre einen „halben“, doch „geglückten“ Mordversuch an seiner Frau und rezitiert Katja aus ihrem Tagebuch eine tödliche Krebsdiagnose. Plötzlich scheinen Klischee und Antiklischee seltsam liiert, tauchen hinter tiefsten Geständnissen grinsende Masken auf. Die Medienwelt steht am Marterpfahl. Langer Beifall!

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