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Die 82. Krippenausstellung im Museum „Religio“ in Telgte präsentiert 124 Krippen und 13 Ikonen

Mittendrin in der „Zeitenwende“

Telgte

Der Advent beginnt und weckt Vorfreude auf Weihnachten. Dazu tragen im Münsterland zahlreiche Krippenwege und Krippenausstellungen bei. Auch die 82. Krippenausstellung in Telgte hat wieder Überraschendes zu bieten: 124 neue Blicke auf Weihnachten spiegeln natürlich auch die Krisen und Kriege unserer Zeit.

Von Johannes Loy

Die Flut im Ahrtal und anderswo inspirierte Annette Hiemenz aus Hilden zu dieser Arbeit mit dem Titel: „Mittendrin. Hoffnung“! Foto: Stephan Kube

Es könnte sein, dass der unter dem Eindruck des Krieges gegen die Ukraine geprägte Begriff des Bundeskanzlers von der „Zeitenwende“ demnächst zum „Wort des Jahres“ gekürt wird. Wir warten das ab. Mit einer unseren Kalender, unser kulturelles und religiöses Leben deutlich nachhaltiger prägenden „Zeitenwende“, der Geburt Christi nämlich, befassen sich Jahr für Jahr die krippenschaffenden Laien und Künstler der Telgter Krippenausstellung. Diese betritt nun, nach dem „Doppelwumms“ der beiden vorangegangenen Jahre mit der coronabedingten zweifachen Auflage der künstlerisch hochwertigen Schau „Geheimnis der Heiligen Nacht 2.0“, wieder Neuland – und hat seit Anfang November schon viel Zugkraft auf Einzelgäste und Gruppen entwickelt. Ein Andrang, der im nun beginnenden langen Advent noch deutlich zunehmen dürfte.

Wolfgang Kuhrmann, Telgte: „Mittendrin in unserer Wallfahrtskapelle“ Foto: Stephan Kube

Die 82. Ausgabe der traditionsreichen Krippenausstellung seit 1934 ist dabei, auch wenn die Pandemie in der thematischen Gestaltung der Krippen kaum mehr eine Rolle spielt, Ergebnis einer durch Corona ausgelösten häuslichen Kreativität. „Menschen hatten wieder Zeit, sich mit dem Thema des Selbermachens zu befassen“, formuliert Museumsdirektorin Dr. Anja Schöne zutreffend. Was nicht heißt, dass die Künstler, Designer und Bildhauer, die Jahr für Jahr Ankerpunkte im Krippenschaffen setzen, nicht auch diesmal wieder professionelle Akzente beigesteuert hätten. Aber das „Upcycling“, das Verwenden von Alltagsmaterial, und das Spielerische des Werkelns und Bastelns haben in den Arbeiten diesmal deutlich mehr Gewicht als vielleicht die vertiefte theologische Aussage.

Flut im Ahrtal

Punktuell taucht die Flut im Ahrtal, taucht auch der Krieg in der Ukraine auf, aber das eher abstrakte Thema „Mittendrin“ inspirierte Künstler und Laien mehr dazu, in Form und Gestaltung Kreise, Kugeln, Spiralen und Labyrinthe zu entwickeln, in deren Zentrum das Kind in der Krippe liegt, das Christen zu Weihnachten als Heiland und Erlöser der Welt feiern.

„Mittendrin“, das kann als Oberthema vieles bedeuten: Der Bildhauer Stefan Lutterbeck aus Everswinkel zum Beispiel positioniert die Heilige Familie in der Mitte eines mühlradähnlichen Sandsteins und zitiert aus Rilkes „Marienleben“. Maren und Martin Brüggemann aus Telgte fügen ihre Miniaturkrippe in ein Ei, das wiederum in ein Stück Baumstamm und dann wiederum in einen Kranz aus Federn eingebettet ist. Malte Tillmann, ebenfalls aus Telgte, positioniert drei abstrakte Krippenfiguren in die Mitte eines Wandbildes mit prächtig-roten Halbkreisen.

Mitten in der Gesellschaft

„Mittendrin“ wird von anderen Krippenkünstlern auch als „mitten in der Gesellschaft“ oder „mitten in der Welt“ gedeutet. So bei Wilfried Josef Funke aus Duisburg, der seine Krippe in das Architekturmodell einer fiktiven Großstadt eingebettet hat und dabei auch noch den Synodalen Weg, Maria 2.0 und die Einsamkeit der Menschen in der Großstadt anspricht. Mitten aus dem Leben gegriffen ist auch die „Knastkrippe“ von Rudi Bannwarth aus Ettlingen, der in einem alten Fernsehgehäuse Gitterstäbe, Justizbeamte, einen bebrillten Anwalt und die Heilige Familie vereint. Und von oben durchschlägt ein goldener Stern als Zeichen der Hoffnung die Decke des kubusförmigen Gefängnisses.

Besonders sinnfällig und theologisch durchdacht erscheint die Installation „Schicksal“ von Jens Henning aus Münster, der eine kleine leuchtende Krippe unter den Schatten eines massiven Holzkreuzes setzt. Der Karfreitag wirft also schon zu Weihnachten seine Schatten voraus.

Rudi Bannwarth aus Ettlingen schuf diese „Knastkrippe“. Foto: Stephan Kube

Erstaunlich ist immer wieder die Vielfalt von Material und Design. So stellt Christian Nachtigäller aus Telgte seine winzigen Krippenfiguren auf die Zinken einer Forke. Eine 23-teilige Szenenkrippe schuf der Bocholter Alex Furtmann aus Kupferschindeln und Holz der ehemaligen Tür der abgerissenen Herz-Jesu-Kirche in Bocholt. Ein Erinnerungsstück.

Krieg und Krippe

Not und Elend unserer Zeit finden ihren Niederschlag: So bei Franz-Josef Hartmeyer aus Warendorf, der sich von der Geburt eines Kindes in einer U-Bahnstation in Kiew für seine Krippendarstellung inspirieren ließ und sie in den Spalt eines verbrannten Holzblocks setzte. Oder bei Annette Hiemenz aus Hilden, deren perspektivische Szenenkrippe eine zerstörte Brücke und ein überflutetes Dorf aus dem Ahrtal erkennen lässt: „Mittendrin: Hoffnung!“, so überschreibt sie ihre Arbeit.

„Mittendrin“ in all dem Gewirr an spielerischen Assemblagen und Ausdrucksformen finden sich dann auch wieder die Klassiker, die man in Telgte nicht missen möchte. So zum Beispiel eine großfigurige Kirchenkrippe „Anbetung der Hirten und Könige“ von Claudia und Willi Potthoff aus Herzebrock oder eine wieder einmal imposante Weihnachtspyramide des Ahleners Bernhard Tewes.

Hans-Bernhard Vielstädte, Herzebrock: „Anbetung der Hirten und Könige“ Foto: Stephan Kube

Einen markanten Akzent inmitten moderner Arbeiten setzen 13 historische Weihnachtsikonen aus dem Ikonenmuseum Recklinghausen, von denen die älteste bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Die Telgter Krippenausstellung ist erneut Anlass, über das Weihnachtsgeschehen nachzusinnen, über den Zustand unserer heillosen Welt nachzudenken, aber sich auch neu der weihnachtliche Freudenbotschaft zu versichern.

„Mittendrin“: 82. Telgter Krippenausstellung. Bis 22. Januar 2023, umfangreiches Programm mit Vorträgen, Führungen und Aktionen.

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