Corona-Herausforderung für das Theater

Münsters Intendant Ulrich Peters: „Ich muss alles zusammenhalten“

Münster

Für den Generalintendanten des Theaters Münster bedeutet die Corona-Sommerpause vor seiner zweitletzten Saison eine besondere Herausforderung. Dr. Ulrich Peters erzählt im Sommerinterview, wie er damit umgeht.

Harald Suerland

Die aufwendige Produktion der Oper „Yolimba“ konnte Ulrich Peters im Oktober noch frei von Corona herausbringen. Seine nächste Inszenierung „Der Vetter aus Dingsda“ sollte im März folgen – und wurde von der Pandemie vorläufig gestoppt. Foto: Oliver Berg

Ein kurzer Urlaub in der Pfalz, ein verlängertes Wochenende in Holland: Münsters Generalintendant Dr. Ulrich Peters nutzt die Theaterferien für kleinere Reisen und kehrt zwischendurch in „sein Haus“ zurück, um während Corona und Kurzarbeit die nächste Saison vorzubereiten. Wir trafen ihn zum traditionellen Sommerinterview.

Herr Peters, eine Gefühlslage wie zur Zeit dürfte es in ihrer ganzen Intendantenzeit noch nicht gegeben haben...

Dr. Ulrich Peters: Genau so ist es. Es fühlt sich ein bisschen wie Berufsverbot an. Und das Schlimme daran ist, dass man niemandem einen Vorwurf für die Situation machen kann – was mir natürlich schwerfällt (lacht).

Was halten Sie von den Versuchen, in der Corona-Krise andere Ausdrucksformen für das Theater zu suchen?

Peters: Für mich ist Theater das Gemeinschaftserlebnis, etwa eine Aufführung mit 800 Leuten im Großen Haus, die gebannt zuschauen, am Ende jubeln oder auch buhen. Experimente mit 3D-Brillen sind nichts für mich: Theater bedeutet, dass zwei auf der Bühne etwas miteinander verhandeln und ein dritter verfolgt das.. Da bin ich gerne altmodisch.

Nun funktioniert das ja zum Teil auch über andere Medien...

Peters: Aber wir kennen ja auch das Zuschauerverhalten, wenn man etwas am Bildschirm sieht: Man schaut zu, und wenn es etwas komplizierter wird, zappt man weiter. Im Theater ist man gezwungen dabeizubleiben, zumindest bis zur Pause.

Eine Parallele zum Kino-Erlebnis, wo man ja ebenfalls Filme gebannt verfolgt, bei denen man sich am heimischen Bildschirm womöglich ablenken lässt.

Peters: Ach ja, das Fernsehen. Meine Frau und ich haben in der jetzigen Situation natürlich mehr geschaut als sonst, aber viel wirklich Lohnendes findet man ja nicht. Eine Ausnahme war kürzlich der Film „Die Verlegerin“ mit Meryl Streep zur Vorgeschichte der Watergate-Affäre: Grandios, und grandios auch zu sehen, welche Verantwortung die Zeitungen haben. Und der Blick in deren Vergangenheit, etwa wie früher die Setzer gearbeitet haben.

Generalintendant Dr. Ulrich Peters. Foto: Matthias Ahlke

Zurück zum Heute: Sie sehen also für Ihren Bereich keine positiven Aspekte in der Krise?

Peters: Nein, an Impulse aus der Krise glaube ich nicht. Vielleicht sehen das jüngere Kollegen aber auch anders…

Aber Sie führen ja neben ihrer Intendanten-Tätigkeit immer auch Regie, sowohl am eigenen Haus als auch in anderen Theatern.

Peters: Das stimmt, das setze ich gerne fort, denn das ist ja mein eigentlicher Beruf, und ich liebe das Inszenieren. Allerdings gehöre ich nicht zu denen, die Intendanten-Kollegen bestürmen und bitten, ihnen eine Produktion anzubieten. Denn eigentlich müssen die Jüngeren ran, die Mitte 40 sind und Familien versorgen müssen. Aber wenn ich gefragt werde, freue ich mich natürlich, denn in der Vergangenheit musste ich zu viele Einladungen absagen, weil die Arbeit des Intendanten es einfach nicht zugelassen hat.

Für Sie persönlich treffen ja gerade zwei Umstände zusammen: die Corona-Krise einerseits und die jüngst vollzogene Wahl ihrer Nachfolgerin Katharina Kost-Tolmein. Etwas despektierlich gesagt: Fühlt sich das wie bei einem Politiker in der zweiten Amtszeit an, den man „Lame Duck“ nennt?

Peters: Ein bisschen ist das schon so. Ich muss jetzt schauen, dass ich alles gut zusammenhalte. Ich rate allen meinen Künstlern am Haus zu schauen, dass es irgendwie weitergeht, denn zum ersten Mal kann ich ja niemanden an ein neues Haus mitnehmen. Und Corona macht die Sache nicht einfacher. Wir hatten so viel vor in den letzen beiden Jahren! Es sollte ein Feuerwerk geben, ein sehr anspruchsvolles: Wir wollten die Münsteraner und die Zuschauer aus dem Münsterland noch einmal richtig herausfordern. Und der Weggang von Schauspieldirektor Frank Behnke ist natürlich auch eine Herausforderung für mich.

Der kam ja nicht ganz überraschend..

Peters: .. ich habe ihm sehr zugeraten und ich freue mich sehr für ihn! Kurios ist, dass ich in meinem letzten Jahr hier dann quasi als Schauspieldirektor in den Endproben sitze und mich mit den Regisseuren und Stücken auseinandersetze, die er ausgesucht hat. Wir haben all die Jahre wunderbar zusammengearbeitet: Er hatte seine klaren Vorstellungen, war aber immer loyal und hat auch gerne Impulse aufgenommen.

Dann sprechen wir noch über die anderen beiden Weggefährten: Tanztheaterchef Hanns Henning Paar wird vermutlich gemeinsam mit ihnen aufhören, wenn die neue Intendantin einen künstlerischen Schnitt macht, während GMD Golo Berg durch seine Vertragsverlängerung für Kontinuität steht.

Peters: Mit Paar werde ich dann insgesamt 15 Jahre zusammengearbeitet haben, und ich habe mir nie einen anderen Choreografen gewünscht, weil er sich in meinen Augen nie wiederholt hat. Auch mit Golo Berg hätte ich gern noch länger gearbeitet: Wir sind uns vielfach sehr einig, etwa in der Bewertung von Sängern für unser Haus, und die Zusammenarbeit beim Don Carlo war für mich eine künstlerische Sternstunde. Für Münster wird es spannend sein, wie er mit einer Intendantin zusammenwirkt, die bis jetzt Operndirektorin ist.

Oper zu Beginn der neuen Saison soll, wie ich gehört haben, zweigeteilt stattfinden?

Peters: Im Moment sieht es so aus: Mozarts „Hochzeit des Figaro“ mit zwei Akten am Freitag und zwei Akten am Sonntag. Denn nach der aktuellen Corona-Schutzverordnung dürfen wir nur knapp 90 Minuten ohne Pause spielen, weil die Wege der Zuschauer im Foyer nicht mehr nachzuvollziehen sind. Sollte sich die Situation entspannen, spielen wir den ganzen Figaro am Freitag. In Österreich sind die Regeln nicht so streng, auch nicht in Dänemark, wo ich im September einen „Rigoletto“ inszeniere.

Manches aus dem ursprünglichen Spielplan wird, wie „Die Walküre“, um ein Jahr verschoben, manches entfällt?

Peters: Auch der „Faust“ wird um ein Jahr verschoben, der „Prinz von Homburg“, den Frank Behnke inszenieren wollte, muss leider entfallen, was ich sehr bedauere. Aber es gibt ja auch positive Nachrichten in der Corona-Zeit: Im August soll unsere Probebühne im Jovel endlich fertig sein – nach immerhin sieben Jahren (lacht). Und die Erweiterung des Bürotrakts, die man mir schon zu meinem Amtsantritt versprochen hatte, ist wohl beschlossen: Darüber wird sich dann meine Nachfolgerin freuen. Nicht zuletzt: Aus dem großen Foyer-Umbau für das Kleine Haus, den ich angestrebt hatte, ist zwar nichts geworden, aber eine kleine Erweiterung ist jetzt gerade in Arbeit. Und dass unser Oberbürgermeister auch in dieser schwierigen Zeit an den Plänen für den Musikcampus festhält, freut mich natürlich für Münster.

Dann können Sie ja doch mit einem guten Gefühl den zweiten Teil des Urlaubs antreten?

Peters: Genau, nach den zehn Genuss-Tagen in der Pfalz setzen wir unsere jährliche Holland-Erkundung fort. Wir haben in jedem Jahr ein verlängertes Wochenende in einem anderen Teil der Niederlande verbracht, jetzt sind Nijmegen, Utrecht und Rotterdam an der Reihe. Und im nächsten Jahr folgt als Finale die Gegend um Groningen.

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