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Sinfoniekonzert: Grimm-Entdeckung und Tschaikowsky

Musik in faszinierenden Farben

Münster

Julius Otto Grimm war bis 1900 vierzig Jahre Musikdirektor in Münster. Jetzt erklang sein sinfonisches Erstlingswerk , das er schon im Alter von 25 Jahren schrieb, im Sinfoniekonzert. Eine echte Entdeckung! Nach der Pause gab es Peter Tschaikowskis Klavierkonzert b-Moll. Aufnahmen dieses populären „Schlagers“ gibt es ja meterweise, aber Pianist Kit Armstrong gewann spannende, neue Zugänge zu dem Werk.

Von Christoph Schulte im Walde

Kit Armstrong war Solist im 3. Sinfoniekonzert. Foto: JF Mousseau

Gute Musik hat Geduld und kann warten, bis sie entdeckt wird. Wie lange hat wohl die d-Moll-Sinfonie von Julius Otto Grimm in einer Schublade oder einem Notenregal gesteckt? Münsters Generalmusikdirektor Golo Berg legt sie nun seinem Sinfonieorchester auf die Pulte – und überrascht damit das Publikum beim jüngsten Konzert im Theater. Denn was Grimm im Alter von 25 Jahren als Student am Leipziger Konservatorium da als sinfonisches Erstlingswerk zu Papier gebracht hatte, ist wirklich bemerkenswert. Umso erstaunlicher der lange Dornröschenschlaf der Partitur gerade in Münster, wo Grimm bis 1900 vierzig Jahre lang als Musikdirektor wirkte.

Der junge Komponist verhehlt nicht seine Vorlieben für Brahms und Schumann. Manches ist diesen Meistern abgeschaut. Trotzdem zeugen alle vier Sätze des Opus 19 von Originalität, von Inspiration beim Finden von Klängen, Farben und Rhythmen. Schon der stille, ruhige Beginn des Kopfsatzes schafft Spannung, die sich wunderschön in einem federnden Parlando-Stil löst. Dann ein markanter Trauermarsch, der mehr Licht anzündet, als man erwartet. Viel Brahms dann im Scherzo mit seinem Purzelbäume schlagenden Rhythmus. Und schließlich ein sportlicher Marathon vor allem für die Streicher: ein rastloses Finale. Für Tasteninstrumente komponiert, ginge es glatt als glänzende Toccata durch!

Überall ist Grimms Kunst der Instrumentierung spürbar. Immer wieder findet er Farben und Kontraste, lässt die Musik leuchten. Hier und da schreibt er auch mal ein paar Takte zu viel. Da hätte die Würze in der Kürze gelegen. Sei’s drum. Diese Sinfonie ist es absolut wert gespielt zu werden. Möglicherweise wird bald eine CD-Produktion daraus.

Ebenso als einer Dokumentation würdig erwies sich nach der Konzertpause Peter Tschaikowskis Klavierkonzert b-Moll. Aufnahmen dieses populären „Schlagers“ gibt es ja meterweise, aber wie Kit Armstrong ihn hier beim Konzert in Münster präsentierte, öffnete die Ohren. Da saß ein 29 Jahre junger Pianist an den Tasten, ohne jede Allüren, ohne Virtuosen-Gehabe, eher ein lockerer Solist, der zusammen mit Golo Berg und dem Orchester einfach ein gutes Stück aufführte. Kit Armstrong nicht als martialisch bewaffneter Ritter auf dem Weg, ruppig ein Schlachtross zu bezwingen – sondern als subtil in die Tiefe hineinhorchender, intelligenter Musiker. Viele Zwischentöne wurden hörbar jenseits vom gewohnten Tastendonner, vor allem auch Poesievolles an Stellen, die oft im Rausch untergehen. Kit Armstrong als Primus inter pares im zweiten Satz, in dem er Flöte, Cello und Oboe dezent sekundierte, den tänzerischen Mittelteil dann für sich reklamierte – mit Eleganz. Armstrong umschiffte auch im Finale jede noch so schroffe Klippe. Aber nirgends ging es dabei um den Schaulauf eines atemberaubenden Könners, der er zweifellos ist, sondern stets um Tschaikowski. Golo Berg und das ausgezeichnet disponierte Sinfonieorchester waren die idealen Partner.

Den begeisterten Applaus belohnte Armstrong gleich mit zwei Zugaben: Saint-Saëns und Chopin!

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