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30 Jahre „Cactus – Junges Theater“

Neugierig auf die Jugend

Münster

Drei Dekaden schon arbeitet das „Cactus – Junges Theater“ mit Jugendlichen. Und es soll selbstverständlich weitergehen . . .

Die künstlerische Leitung von Cactus: Alban Renz und Barbara Kemmler Foto: Julian Lesieur

Drei Jahrzehnte gelten schon als eine Generation. So alt ist das Label „Cactus – Junges Theater“ mittlerweile. Und kontinuierlich jung geblieben. Zum Jubiläum beantwortet das generationsübergreifende Leitungsteam Barbara Kemmler und Alban Renz ein paar Fragen.

Warum wurde Cactus vor 30 Jahren gegründet?

Kemmler: 1992 gab es die Ausschreitung in Rostock-Lichtenhagen. Das ehemalige Ensemble im Theater im Pumpenhaus wollte darauf eine kulturelle Antwort geben. So kam es, dass ich mit Jugendlichen das Theaterstück „Katzelmacher“ von Fassbinder inszeniert habe. Ein Stück, das scherenschnittartig die Entwicklung von Fremdenfeindlichkeit in einer Jugendclique beleuchtet. Ich hatte damals keine Ahnung von Theaterpädagogik, aber von Regie. Und die Jugendlichen fanden es gut, als Schauspieler ernst genommen zu werden. Das Stück war so erfolgreich, dass wir schon damals auf Gastspiele eingeladen wurden. In dieser Erfahrung gründet unser Ansatz: „Jugendlichen Kunst zuzumuten und Zuschauer*innen Kunst mit und von Jugendlichen“. Aufgrund der Begeisterung der Jugendlichen war ich motiviert, weiter mit jugendlichen Schauspieler*innen Theater zu machen, und so entstand „Cactus“.

Renz: Also waren wir auch im Anfang schon überregional tätig. Ich war ab 1995 bei Cactus als Schauspieler aktiv. 2001 habe ich mit Barbara zusammen eine Regie gemacht: „Männersache“.

Kemmler: Und dieses Stück hat gleich bei den Berliner Festspielen einen Preis gewonnen. Seitdem hat Alban bei Cactus gearbeitet, und 2006 habe ich ihn gefragt, ob er mit mir die künstlerische Leitung übernimmt. Und er hat Ja gesagt.

Was bedeutet diese Theaterarbeit für die Mitwirkenden?

Renz: Für die Jugendlichen ist es eine professionelle Auseinandersetzung mit Theater. Die Jugendlichen fühlen sich mit ihren Themen ernst genommen und erleben sich selbst als wirksam.

Kemmler: Wenn ich mit Jugendlichen im Probenraum arbeite, geht es immer um gesellschaftlich relevante Themen. Das hat mich angetrieben.

Was bedeutet diese Theaterarbeit für das Publikum, für die Gesellschaft?

Kemmler: Wir verstehen uns als Moderatoren eines Prozesses, in dem wir Themen untersuchen, um durch die künstlerische Gestaltung ein spannendes Theaterstück zu erstellen, die ein breites Publikum interessiert.

Renz: Das Publikum hat die Chance, den Meinungen von Jugendlichen zuzuhören.

Kemmler: Und dadurch, dass es Theater ist, auch die Emotionalität, die dahinter steht. Es ist enorm wichtig, in unserer überalterten Gesellschaft Orte zu schaffen, in denen wir den Jugendlichen zuhören und sie ernst genommen werden.

Wie kommt Cactus an die jungen Leute ran?

Renz: Es ist sehr viel Arbeit. Wir machen offene Theaterangebote, Workshops und haben enge Kontakte mit Schulen.

Kemmler: Es gibt unendliche viele Wege, um Jugendliche auf Cactus aufmerksam zu machen. Natürlich spielen die Sozialen Medien auch eine Rolle. Wichtig ist es, einen persönlichen Kontakt herzustellen und auch auf Themen außerhalb des Probenraums einzugehen und Hilfestellung zu geben: Familienprobleme, Schulprobleme, berufliche Entwicklung, aufenthaltsrechtliche Probleme.

Renz: Gerade in der momentanen Krisensituation haben viele mit psychischen Problemen zu tun.

Kemmler: Übrigens sind wir auch sehr auf die Presse angewiesen, bei Castings, bei Ankündigungen von unseren Stücken und so weiter.

Wie haben sich die Produktionsbedingungen verändert?

Kemmler: Cactus hat sich von einem Ein-Frau-Unternehmen zu einem Team entwickelt. Wir haben mit unserer dramaturgischen Leitung Rita Roring, mit unserer Diplom-Pädagogin Claudia Puller und unserem relativ neuen Mitarbeiter Julian Lesieur ein Spitzenteam, das unsere Projekte überhaupt möglich macht. Diese Basis zu halten und zu finanzieren ist die schwierigste Aufgabe.

Warum ist Cactus unter anderem auch international unterwegs?

Kemmler: Internationale Theaterarbeit bereichert, inspiriert und verunsichert produktiv, lässt neue Perspektiven entwickeln. Gerade in der interkulturellen Arbeit ist es notwendig, solche Erfahrungen einzubringen. Und gerade Jugendliche mit Migrationsgeschichte erleben sich als besonders kompetent im internationalen Jugendaustausch. In diesem Jahr haben wir eine erfolgreiche Tournee durch Ghana und Irland gemacht.

Woran fehlt es?

Renz: Die finanzielle Absicherung unseres Kernteams bleibt ein Dauerthema.

Kemmler: Außerdem suchen wir immer neue Mitglieder für unseren Trägerverein: Jugendtheaterwerkstatt e.V.. Man kann uns tatkräftig unterstützen, nicht nur in finanzieller Hinsicht.

Renz: Nachwuchsförderung wird bei uns großgeschrieben. Wir sind immer auf der Suche nach jungen Künstler*innen mit spannenden Konzepten und Ideen.

Wohin entwickelt sich das Junge Theater Cactus?

Renz: Die ganze Welt steht vor großen Herausforderungen; wir werden auch in der Zukunft daran arbeiten, jungen Menschen zu helfen, die Zukunft aktiv zu gestalten. Dazu passt auch, dass Cactus einen Generationswechsel erlebt.

Kemmler: Ich bin immer noch neugierig auf die Themen von Jugendlichen und freue mich schon auf die nächste Reise nach Tamale – der Projektpartnerschaft von Münster in Ghana.

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