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Piotr Rachońs vielfältiges Konzert in der St.-Lamberti-Kirche

Polens Orgeltradition aus dem Schattendasein hervorgeholt

Münster

Bravourös: Piotr Rachoń hat ein Orgelkonzert in der Lambertikirche gegeben. Und dabei hat er nicht nur mit den „Krachern“ der Orgelliteratur begeistert.

Von Chr. Schulte im Walde

Piotr Rachoń gab ein bravouröses Orgelkonzert in der St.-Lamberti-Kirche. Foto: Christoph Schulte im Walde

Keine Frage, es sind oft die großen „Kracher“ der Orgelliteratur, mit denen Organisten ihr Konzertpublikum mächtig beeindrucken. Aber es geht auch anders, wie Piotr Rachoń am Samstag beim Konzert in der Lambertikirche deutlich unter Beweis stellte. Nun gut, anfangs holte er die Zuhörer erst einmal „klassisch“ ab mit einer feierlich-krachenden Fanfare aus der Feder des walisischen Komponisten William Mathias: mit Posaunen und Trompeten sozusagen. Aber dann öffnete Rachoń, Organist an der Johanneskathedrale in Warschau, sein Schatzkästchen, in dem zunächst zwei Tänze aus dem frühen 16. Jahrhundert lagen – Bestandteile der Tabulatur des Jan van Lublin und wirklich erfrischende, bis heute sehr lebendige Musik, die den Geist der Renaissance verströmt und sicher auch für nachfolgende Komponistengenerationen inspirierend gewirkt hat.

Dass Polen auf eine reiche Orgeltradition zurückblicken kann, ist vielleicht kein Geheimnis mehr. Trotzdem führen Werke etwa von Feliks Rączkowski und Mieczysław Surzyński immer noch ein Schattendasein im Konzertleben. Schön, dass es Botschafter wie Piotr Rachoń gibt und uns mit deren Klängen vertraut machen. Mit Rączkowskis Marienhymnus „Bogu Rodzika“ beispielsweise – oder mit den Variationen über den Choral „Święty Boże, Święty Mocny“ von Surzyński. Bekenntnishafte Orgelmusik ganz in spätromantischer Tradition, die vielleicht etwas „aus der Zeit“ gefallen und quasi zu spät gekommen ist, gleichwohl die Meisterschaft ihrer Schöpfer im Umgang mit Kompositionstechnik unterstreicht. Außerdem liefert sie schöne Entfaltungsmöglichkeiten für Piotr Rachoń, der klug und mit Geschmack für Farben an den Tasten wirkte.

Wenn man diese polnischen Werke als „fromm“ bezeichnen würde, sind jene durch und durch „weltlich“, die Padre Davide da Bergamo zu Papier gebracht hat: ausdrücklich für den Gottesdienst bestimmt, geht hier der Vorhang auf für – Opernmusik! Nichts anderes ist das, was der Padre (!) zur Wandlung, zur Gabenbereitung, zur Kommunion der Gemeinde anbietet. Rezitative und Bravourarien auf der Orgel, die Donizetti und Rossini nicht anders geschrieben hätten! Aber so war es in Italiens Kirchen Mitte des 19. Jahrhunderts, auch in Frankreich. Aber: tolle Musik, gar keine Frage!

Am Ende des Programms dann doch noch ein „Knaller“: Louis Viernes „Carillon de Westminster“, von Rachoń in zügigem, fast rauschhaftem Tempo genommen. Ebenso wie die Zugabe, Charles-Marie Widors „Toccata“ aus der 5. Sinfonie. Freudige Blicke des Publikums und großer Beifall.

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