1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. Schatten, Krakeelen und Polonaise

  8. >

Theater X zeigt in der Meerwiese „Das Fest“

Schatten, Krakeelen und Polonaise

Münster

Eine Familienfeier läuft aus dem Ruder? Kann passieren, wie der Film „Das Fest“ eindrucksvoll zeigt. Gleiches gelingt der Bühnenversion des Theaters X in Münster.

Gäste und Servicekräfte posieren, doch das Fest läuft aus dem Ruder. Foto: Christian Harnisch

Wer kennt das nicht: Papas runder Geburtstag wird gefeiert. Und die bucklige Verwandtschaft trudelt ein. Söhne, Tochter, Geschwister und, und, und. Herrlich! Aber man ahnt schon, dass das nicht gutgehen wird. Und so kommt es auch. Zuerst gibt es natürlich Sekt. Danach allerdings wird der versammelten Gemeinde unvermittelt reiner Wein eingeschenkt! Der schmeckt nicht jedem, weil er einfach sauer ist.

„Das Fest“ erzählt von Helge Klingenfeld-Hansen und seinem 60. Geburtstag im Kreise seiner Lieben – ursprünglich ein Film, den Thomas Vinterberg und Mogens Rukow vor über 20 Jahren gedreht haben. Schon bald wurde er für die Schauspielbühne adaptiert. Und in dieser Version ist er gerade im Theater an der Meerwiese zu erleben. Genau das Richtige für die Akteure des Theaters X, die seit Jahren an diesem Ort regelmäßig für spannendes Schauspiel sorgen. Auch diesmal wieder.

Die Themen sind heikel. Es geht um Missbrauch, um Inzest, auch um Hass gegen Schwule und Lesben. Denn Christian, der Älteste, hält vor versammelter Festtagsgesellschaft eine Rede, „eine Art Wahrheitsrede“, die niemand gern hören möchte. Papa Helge nämlich, so klagt der Sohn an, hat seine sexuellen Gelüste an Christian und seiner Zwillingsschwester Linda in deren Kindheitstagen ausgelebt, Linda hat sich deshalb umgebracht, ist aber als schwarzer Schatten immer noch präsent.

Wie geht man mit dieser Wahrheit um? Auf jeden Fall nicht ehrlich und nicht ernsthaft! Die Party läuft weiter, auch wenn sich manches Haupt senkt. Aber für eine Polonaise ist immer noch genügend Zeit und Lust.

An Emotionen hat sich in dieser Gesellschaft einiges aufgestaut und sie entladen sich, mitunter auch vulkanhaft wie bei Michael, dem Jüngsten, der sich als echter Kotzbrocken erweist. Schwester Helene: eine Lesbe! Dagegen hilft nur homophobes Krakeelen aller Geburtstagsgäste.

„Das Fest“ liefert ein facettenreiches Bild einer „ganz normalen“ Familie, in der man gute Miene zum bösen Spiel macht. Gut zwanzig Personen sind auf der Bühne, die Regisseur Alexander Becker mit virtuos beherrschtem Handwerk führt. Da wird mit einer Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit gespielt, von Anfang bis zum bitteren Ende überzeugend. Die räumliche Begrenztheit der Spielfläche gerät zum Vorteil, werden doch die vielfältigen Beziehungen und Auseinandersetzungen noch einmal spürbar verdichtet. Das Bühnenbild, ein schlichtes Arrangement von Tischen in U-Form, wandelt sich vom sattsam bekannten Festtagsambiente zum Gerichtssaal, in dem sich die Parteien unversöhnlich gegenüberstehen und immer zu neuen Angriffen übergehen.

„Das Fest“ ist ein Stück, das von ständig wechselnden Stimmungen beherrscht wird. Es ist das große Verdienst des Ensembles, dass diese Stimmungen ausgereizt, aber nie überzogen werden. Eine feinfühlige, tolle Leistung aller Beteiligten!

Weitere Termine: 16. und 17. 9., 20 Uhr

Startseite
ANZEIGE