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Das Wolfgang-Borchert-Theater präsentiert E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“

Schaurig-schöne Albtraumwelt

Münster

Dunkle Romantik und das grelle Licht der Aufklärung treffen in E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“ aufeinander. Im Wolfgang-Borchert-Theater hat Luisa Guarro daraus einen faszinierenden Abend geschaffen.

Von Helmut Jasny

Was erblicken Nathanael und sein Doppelgänger (Markus Hennes und Florian Bender)? Foto: Klaus Lefebvre

Das Spiel beginnt mit einem Tanz. Verzückt sieht man Nathanael über die Bühne springen. Ein bisschen spürt man hier aber auch schon den Wahnsinn, der ihn am Ende des Stücks in den Tod treiben wird, unfähig, den Anforderungen einer rational geprägten bürgerlichen Existenz zu entsprechen. Nathanael ist der unglückliche Held aus E. T. A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“, mit der das Wolfgang-Borchert-Theater an diesem Wochenende die neue Spielzeit eröffnete. Die Bühnenfassung stammt von Luisa Guarro, die selbst Regie führte.

Es geht um frühkindliche Beschädigungen und irrationale Ängste. Als Kind wurde Nathanael Zeuge, wie sein Vater bei einem alchemistischen Experiment ums Leben kam. Diese traumatische Erfahrung bricht wieder durch, als er Coppola trifft, in dem er den früheren Partner seines Vater zu erkennen glaubt. Als er seiner Verlobten Clara davon erzählt, stößt er auf wenig Verständnis. Sie macht ihrem Namen alle Ehre und tut seine Ängste als Hirngespinste ab. Als sich Nathanael später in die schöne Olimpia verliebt, scheint er der einzige zu sein, der in dem Mädchen nicht die mechanische Puppe erkennt, die sie ist. Gebaut hat sie Professor Spalanzani, der wiederum ein guter Freund Coppolas ist.

Schaurig-schöne Stimmung

Im „Sandmann“ steckt vieles drin: Psychologie, Aufklärung versus Romantik und die Hybris einer instrumentalen Vernunft, die Welt nicht nur erklären, sondern auch neu schaffen zu können. Allerdings wird dies bei Hoffmann nie klar diskutiert, sondern in wiederkehrenden Bildern und Motiven angedeutet.

Und dem wird Luisa Guarro in ihrer ästhetisch ebenso anspruchsvollen wie ausdrucksstarken Inszenierung gerecht. Was sich auf der in Schwarz gehaltenen Bühne abspielt, mutet über weite Strecken wie ein Traum an. Farbiges Licht, bedrohliche Musik, Schwarzlichttheater und geheimnisvolle Stimmen aus dem Off erzeugen eine schaurig-schöne Stimmung, der man sich nicht entziehen kann.

Maskenhafte Schönheit

Ebenso überzeugen die Schauspieler. Markus Hennes wechselt als Nathanael gekonnt zwischen Wahn und lichten Momenten – ständig verfolgt von Florian Bender, der als Doppelgänger dessen unterbewusste Ängste symbolisiert. Rosana Cleve verkörpert als Clara eine wohlwollende, letzten Endes aber machtlose Vernunft. Ivana Langmajer bringt als Nathanaels Mutter dämonische und als Olimpia maskenhafte Schönheit ins Spiel.

Ebenfalls in einer Doppelrolle wirkt Jürgen Lorenzen. Als Coppola ist er ein nach außen freundlicher, in Wirklichkeit aber unheilvoller Geselle, während er als von der Regisseurin eingebauter Dr. Freud die Sache psychoanalytisch deutet. In der Rolle des Professors Spalanzani liefert Johannes Langer ein schönes Beispiel für wissenschaftliche Selbstüberschätzung.

Bis 28. August täglich um 20 Uhr, am Sonntag (29. August) 18 Uhr. Weitere Termine folgen.

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