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Ein starkes Duo in der Schoneberg-Reihe „Neue Namen“

Schwarze Klänge aus Russland

Münster

Spannende Musik für Violine und Klavier im Rathausfestsaal

Von ChristophSchulte im Walde

Cosima Soulez Larivière und Théo Fouchenneret Foto:

Was wäre aus Guillaume Lekeu wohl geworden, wäre er nicht schon mit 24 Jahren gestorben? Der junge Belgier, den es nach Paris zum Studium bei César Franck und Vincent d’Indy zog, hätte womöglich Karriere als Komponist gemacht. Immerhin lässt die ausgedehnte Sonate für Violine und Klavier Lekeus Begabung erkennen und bietet reiche Entfaltungsmöglichkeiten. Cosima Soulez Larivière und Théo Fouchenneret nutzten sie bei ihrem Auftritt am Freitag im Rathausfestsaal, durch den eine schwärmerisch-romantische Klangwelt schwebte. Impulsive Ausbrüche standen da neben butterweichen Melodien, kantige Akkorde des Klaviers lösten sich auf in fließende Girlanden. Vielleicht hätte Lekeu etwas ökonomischer und konzen­­trierter mit seinen Ideen umgehen sollen, vor allem in dem getragenen, langsamen Mittelsatz. Dessen endlos anmutende vokale Linie kostete Cosima Soulez Larivière mit Wonne aus – und mit großem, substanzvollem Geigenton, während Théo Fouchenneret höchst sensibel die Klaviertasten mal streichelte, mal ordentlich zu kneten wusste.

Dieses Miteinander, diese perfekte Verzahnung, der gemeinsam empfundene Pulsschlag der Musik war es, mit dem das Duo in jedem Moment überzeugen konnte. Auch und vor allem in Sergej Prokofjews f-Moll-Sonate. Hier scheinen sich zwei Künstlerseelen getroffen zu haben, die emotional absolut auf derselben „Wellenlänge“ liegen. An Tiefgang, Dichte und Eindringlichkeit war Prokofjews Musik in dieser Interpretation kaum zu überbieten. Es ist eine finstere, ja geradezu schwarze Musik, entstanden 1938 unter dem Eindruck der Zeitläufte in Russland und Nazi-Deutschland. In ihr spiegeln sich Angst und Klage, Hoffnung und Wut – und ist gerade jetzt nah dran an den schrecklichen Erfahrungen mitten in Europa. Eine Notturno-Stimmung liegt über dem Beginn der Sonate, tiefe Glocken schlagen, ein eigenartig säuselnder Wind streift die Haut, disparate Gefühle zwischen kräftiger Attacke und lyrischem Gesang machen sich breit. Eine atemberaubend ausdrucksstarke, intensive Musik, von der sich Soulez Larivière und Fouchenneret anstecken ließen. Dazu passte Strawinskys herbe und irgendwie archaisch wirkende Élégie für Solo-Violine, während Eugène Isaÿes „Rêve d‘enfant“ den Geist schwelgerischer Romantik atmete.

Großer Beifall im Rathausfestsaal – und eine Bartók-Zugabe als Dankeschön der beiden fantastischen und sympathischen Interpreten!

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