1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. So frisch wie ein Bad in der Nordsee

  8. >

Sandra Lüpkes las aus „Schule am Meer“

So frisch wie ein Bad in der Nordsee

Münster

Manchmal ist die Entstehungsgeschichte eines Romans so spannend wie der Roman selbst. Das Gefühl hatte auch Schriftstellerin Sandra Lüpkes, als sie sich für die Recherche zu ihrem neuen Roman „Die Schule am Meer” in die Geschichte ihrer Heimatinsel Juist versenkte – genauer: In das Projekt der ersten deutschen Reformschule, die dort zwischen 1925 und 1934 unterhalten wurde.

Arndt Zinkant

Sandra Lüpkes entpuppte sich bei der Lesung als wahres Vortragstalent. Foto: zin

Idealistische Pädagogen hatten sich am Nordseestrand zusammengefunden, um eine „Freiluftschule” mit künstlerischer und handwerklicher Ausrichtung zu realisieren. Was sich vor dem inneren Auge des Publikums im Waldorfsaal entspann, war eine Geschichte des Aufbruchs, voll von Zeitkolorit und teils mit bekannten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. So wirkte etwa der Musiker Eduard Zuckmayer, Bruder des berühmten Schriftstellers Carl Zuckmayer, auf Juist; und Beate Uhse oder die Schauspielerin Maria Becker fanden sich im Kreis der Schülerinnen.

Sandra Lüpkes wohnte noch in Gievenbeck, als sie den 570-Seiten-Roman begann – vor zwei Jahren ist sie dann mit ihrem Mann, „Wilsberg“-Erfinder Jürgen Kehrer, nach Berlin gezogen. Die Lesung, organisiert von Münsters „Leezen-Buchhandlung” Poesie & Company, war wegen der Corona-Krise verschoben worden und lockte so viele Besucher an, wie die Abstandsregeln im Saal es erlaubten.

Lüpkes zeigte sich als Vortragstalent, das mühelos auch die Hörbuchfassung bewältigt hätte. So zog sie den Saal lebendig hinein in den Roman, wobei die Autorin stets die Geschichte ihrer Recherche anhand historischer Fotos auf der Leinwand mit einflocht. Man sah die fröhliche Schulgemeinschaft am Strand oder beim Musizieren, hörte vom (fiktiven) zehnjährigen Schüler Maximilian, der allmorgendlich seinen Kopf in die Nordsee tauchen musste, um in die Schulkameradschaft der „Bären” aufgenommen zu werden.

Wichtiger aber war die reale Figur der jüdischen Lehrerin Anni Reiner, die mit ihrem nichtjüdischen Ehemann reformerisch wirkte und deren über 100 Briefe an ihre Kinder zur authentischen Schilderung beitrugen. Die Schule kam stetig in Finanznöte, und es kroch auch das Gift des Antisemitismus, das sich bereits vor der Naziherrschaft auf Juist zeigte, ins Geschehen: So wurde der wohlhabenden jüdischen Mutter Anni seinerzeit das Hotelzimmer verweigert.

Die mittlerweile 89-jährige Tochter Annis, Karin Reiser, hatte Sandra Lüpkes am Ufer des Lago Maggiore im Tessin noch ausfindig gemacht. Und die Freude darüber stand ihr ins Gesicht geschrieben.

Startseite
ANZEIGE