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Cactus Junges Theater feierte Premiere mit „Expedition Würde“

Stark sein und verzeihen

Münster

Sie stampfen den Rhythmus in den Boden, recken ihre Fäuste hoch oder formen die Hände zu Schalen, die sie dem Publikum behutsam entgegenstrecken. Ein zehnköpfiges junges Ensemble verteidigt auf der Bühne des Pumpenhauses etwas Kostbares, eine Größe, die nicht leicht zu definieren ist, sich in Gotta Depris Choreographie aber umso ausdrucksvoller tanzen lässt.

Isabell Steinböck

Trotz Gewalterfahrung Stärke zeigen: In der Cactus-Produktion „Expedition Würde“ rächen sich diese jungen Menschen nicht, sie halten zusammen. Foto: Ralf Emmerich

Es geht um die menschliche Würde, die das Grundgesetz als unantastbar schützt und die doch so schwer zu fassen ist. Unter der Regie von Barbara Kemmler, mit Texten der Schauspieler (Skript und Dramaturgie: Petra Kindler) nähert sich Cactus Junges Theater dem Thema, indem es sich in seiner neuesten Produktion auf eine „Expedition Würde“ begibt, die mit Fragen beginnt. Haben Tiere eine Würde oder hört sie beim Schweinebraten auf? Gilt menschenwürdige Behandlung auch für Massenmörder? Und was heißt eigentlich unantastbar?

In humorvollen, aber auch ernsten, berührenden Szenen lotet das Ensemble vor der Kulisse einer himmelblauen Weltkarte (Bühne und Kostüme: Jaqueline Schienbein) persönliche Grenzen aus. Grotesk, wenn die Darsteller, in einer Reihe aufgestellt, künstlich lächelnd Computerstimmen oder Anrufbeantworter imitieren, während der Einzelne an der Unzulänglichkeit der Maschine verzweifelt. Tragikomisch der enervierende Antrag auf Aufenthaltsverlängerung im Sumpf stumpfer Behördenmentalität.

Beklemmende Szenen gelingen, wenn Entwürdigung existenzielle Ausmaße annimmt, etwa in Marian Heusers Gedicht „Ich spreche für dich“ (Rap: Walid Filiz). Es geht um die Geschichte einer Frau, die, vom Vater ungewollt und unterdrückt, nach Zwangsverheiratung entflieht. Ein Mensch, der, gewaltsam gebrochen, verstummte und in der Tochter weiterlebt. Stumm ist auch der schwer kranke Rapper Walid Filiz. Anthony Ngala leiht ihm auf der Bühne seine Stimme, wenn er von Verlust und Stärke singt – ein traurig-schöner Song, der dennoch Mut macht.

Wie ein roter Faden zieht sich das wichtige Thema „Täter-Opfer-Ausgleich“ durch den Abend. Eine junge Frau wird öffentlich gemobbt und verzeiht, eine andere wird vergewaltigt und sieht dem Täter dennoch in die Augen, wenn sie davon spricht, Leiden und Schmerz in Stärke zu verwandeln. Eine schöne Botschaft.

Zum Thema

Weitere Aufführungen: 21., 22., 23. und 24. Februar, jeweils um 20 Uhr im Theater im Pumpenhaus, Gartenstraße 123. Eintritt: 12, erm. 7 Euro. Kartenreservierung: ✆  23 34 43 oder im Internet.

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