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Was macht eigentlich . . . Christian Bo Salle?

„Einkaufen ist das neue Ausgehen“

Münster

Das Theater hatte während der Corona-Zeit zwangsweise spielfrei. Deshalb sind die Kreativen aber nicht untätig, wie sie in einer Interview-Serie des Theaters verraten – heute: Christian Bo Salle.

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Christian Bo Salle (l.) hier mit Carolin Wirth in „Münster 69 – Revolution in der Provinz“ Foto: Oliver Berg

Das Theater hatte während der Corona-Zeit zwangsweise spielfrei. Deshalb sind die Kreativen aber nicht untätig, wie sie in einer Interview-Serie des Theaters verraten – heute: Christian Bo Salle.

Wie sieht Ihr (Corona-)Alltag derzeit aus?

Christian Bo Salle: Ich habe eine Stelle als Hauslehrer angenommen, ohne dass ich mich dafür beworben hätte, und übe mich im Fachwissen der 5ten Klasse meiner Tochter. Darüber hinaus bin ich jetzt Krisenmanager, Local Coach für ausgedehnte Spaziergänge und Radtouren ins Umland, Vollzeit-Koch für Antigemüse-Esser – und nur ganz nebenbei noch Online-Schauspiellehrer und Facebook-Schauspieler.

Wofür haben Sie jetzt Zeit, wozu es vorher „keine“ Zeit gab?

Bo Salle: Zu lesen! Nicht nur Theaterliteratur, sondern endlich einmal völlig zweckfrei, was ich schon immer mal genauer wissen oder lesen wollte: alles von Wolfgang Herrndorf, Schillerbiografien, „Der Baader Meinhof Komplex“ von Stefan Aust, den Roman „Between a Rock and a Hard Place“ von Aron Ralston (Vorlage für den Film „127 hours“) – ein Extrembergsteiger im Ausnahmezustand, Karl der Große und dazu, wie passend, die Trump-Innenansicht „Fire and Fury“ von Michael Wolff.

Welche positiven / negativen Gewohnheiten haben Sie während des Lockdown entwickelt?

Bo Salle: Negativ ist, dass man einfach zu viel isst. Essen und Sitzen ist die neue Hauptbeschäftigung und Einkaufen das neue Ausgehen! Darüber habe ich eine unbändige Sehnsucht nach schnellem Bewegen entwickelt – so hält es sich leidlich die Waage.

Wie halten Sie sich als Schauspieler derzeit fit?

Bo Salle: Ich fahre jetzt statt viel – SEHR viel Rad, knapp 1300 Kilometern im letzten Monat. Aber eben nur durchs Münsterland – ich kenne jetzt jede Ecke von beiden Seiten. Wohin ich mit 1300 Kilometern gekommen wäre, wenn ich hätte verreisen können! Ich habe es ausgerechnet: bis nach Rom!

Welches besondere Gericht haben Sie in letzter Zeit für sich entdeckt bzw. kreiert?

Bo Salle: Ich habe ein Gericht der norddeutschen Oma wiederentdeckt: Quarkkeulchen mit Butter, Zimt und Zucker. Kommt bei Kindern sehr gut an und hebt die Corona-Stimmung!

Möchten Sie unseren Lesern ein Buch bzw. einen Film oder eine Serie empfehlen?

Bo Salle: „Arbeit und Struktur“ von Wolfgang Herrndorf. Wie er höchst unsentimental die Krise seines Sterbens meistert, macht Mut für alle Krisen.

Was vermissen Sie am meisten?

Bo Salle: Die Unbefangenheit. Nichts kann unmittelbar gemacht werden, alles muss organisiert und vorgeplant werden. Seit Corona ist ungezwungener Umgang mit Fremden und Freunden fast unmöglich geworden, argwöhnischer Abstand ist an der Tagesordnung! Aber bei vielen leider auch kein Gefühl für Abstand, oder dass eine Maske unter der Nase einfach nicht hilft. Ein Miteinander ist kaum möglich. Theater lebt aber vom Miteinander, vom Anfassen, von intensiver Stille in einem vollen Saal. Für mich (und sicher auch viele andere Schauspieler und Kunstschaffende) ein Albtraum – ganz zu schweigen von den verschärften finanziellen Unsicherheiten, die uns Schlechtverdienende besonders hart treffen.

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