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Wenn sich die Leute langweilen und anöden

Theatergruppe Querschnitt präsentiert „Treibeis“-Episoden in Kinderhaus

Münster

Gleich zu Beginn ist sie da, diese eigentümliche Tschechow-Stimmung. Menschen, die an der eigenen Langeweile ersticken. Zeit, die sich im öden Gleichmaß dehnt wie Kaugummi. Gespräche, die von Unzufriedenheit durchsuppt werden – bis die Aggression siegt. Familienfeste können alptraumhaft sein, zu Tschechows Zeit wie zu unserer.

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Diese Familienangehörigen haben sich nicht mehr viel zu erzählen und öden sich folglich an. Das ist gute alte Tschechow-Tradition. Foto: zin

Aber Humor gibt es auch. Um diesen geht es Autor Walter Brunhuber ebenfalls, der sein eigenes Stück „Treibeis“ nach Tschechow-Erzählungen ersann und im Bürgerhaus Kinderhaus inszenierte. Fünf Episoden, die motivisch locker verknüpft waren. Die verlorene Hauskatze, der simulierte Selbst-mord oder der traurige Clown waren Motive, die ihre Wirkung nicht verfehlten. Ein ehrgeiziges Projekt, das die Theatergruppe „quer-schnitt“ sich da ausgesucht hatte. Es überzeugte nicht in jedem Detail, doch wurden die neun Laiendarsteller für ihre frische Performance mit herzlichem Beifall belohnt. Brunhuber schlägt die Brücke zum aktuellen Prekariat, wenn er eine arbeitslose Schauspielerin (Monika Zimmerhof-Elsner) auf wartende Fahrgäste loslässt. Für fünf Euro simuliert sie zur Unterhaltung das Ertrinken in jenem „Treibeis“, das dem Stück den Titel gibt. Der dis-tinguierte Herr winkt ab. „Intellektuelle sind sensibilitätsmäßig überzüchtet“, höhnt die morbide Entertainerin. Es gehe doch ums Ad-renalin! Und die Gewissheit, dass man nicht zu den aller-größten Verlierern zähle. „Jede Minute Langeweile ist vergeudete Lebenszeit“, do-ziert sie ganz in Tschechow-Tradition. Eine Langeweile, die für die Simulantin im Wortsinn tödlich endet … Ganz aktuell kommt auch „Bürger Franz“ (Günther Freitag) daher. Ein Miesepeter, der sein Fenster zur Straße zum Nabel der Welt macht, der lästert und Falschparker anzeigt. Wenn sein Rentner-Kumpel (Hart-wig Kussatz) dabei ist, wirken die zwei fast wie Waldorf und Statler, die Opas in der Loge der „Muppet Show“. Lacher garantiert. Anrührend ist die Episode, in der Frau Kartakoff (Gilla Pitz) ihre Katze fürs Herum-stromern angiftet, als sei sie ein treuloser Liebhaber. Eine Momentaufnahme der Einsamkeit. Und der traurige Clown (intensiv: Sieglinde Bröer), der von allen ausgenutzt wird und unbemerkt verröchelt, geht ebenfalls ans Herz. Beim Bühnenumbau muss er Mundharmonika spielen – ein Pausenclown im traurigsten Sinne.

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