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Reporterin des eigenen Schreibens

Ulla Hahn las vor vollem Haus im Theaterfoyer aus ihrem jüngsten Roman

Münster

Am Anfang stand die „Absolution“. Die erteilte Hermann Wallmann vom Literaturverein allen Anwesenden, weil sie Ulla Hahn dem Domjubiläum vorgezogen hatten. Und klerikal fuhr Wallmann auch fort: „Wie ein scheuer Ministrant“ habe er sich einst gefühlt, als er der Dichterin beim ersten Lyrikertreffen in Münster erstmals gegenübersaß. Damals, im Jahr 1983, war Wallmann noch Lehrer – an seiner Begeisterung für Hahns Literatur hat sich bis heute nichts geändert. Ihre Lesung fand bei den Literaturfreunden großen Anklang. So lang war die Signierschlange im Theaterfoyer selten.

Arndt Zinkant

Ulla Hahn zitiert im Theaterfoyer auch Haikus aus eigener Feder. Neben ihr: der Vorsitzende des Literaturvereins, Hermann Wallmann. Foto: zin

Der Literaturverein kooperierte mit den „Nordwalder Biographietagen“ – da fügte sich Ulla Hahns autobiografische Roman-Trilogie über ihre literarische „kleine Schwester“ namens Hilla Palm sehr gut. Die Romane „Das verborgene Wort“, „Aufbruch“ und „Spiel der Zeit“ folgen Hilla von Jugend an, wobei Ulla Hahn deren Leben ab dem zweiten Buch, kommentiert – der „Schwester“ öfters ins Wort fällt und zur „Reporterin des eigenen Schreibens“ wird, wie Wallmann es formulierte. Hillas Erfahrung und Ullas Erfindung durchdringen einander.

Die Autorin entführte das Publikum mit Schlaglichtern in die 1960er Jahre, als das Mädchen aus dörflichen Verhältnissen nach Köln zum Studium kam. Die Selbstständigkeit, die „luxuriöse“ Dusche mit eigener Seife oder der erste Bademantel sind ebenso Gegenstand intensiver Erfahrung und Beschreibung wie die großen Umwälzungen der Zeit: die legendären Proteste der 68er-Studenten. Zu denen hat Ulla Hahn wie viele Zeitgenossen eine ironisch-milde Distanz gewonnen; sie misstraut der eigenen Jugend-Schläue ebenso wie der persönlichen Erinnerung. Deshalb habe sie genau in Archiven recherchiert. Was sie aber verblüffte, war der typische säuerliche Muff des Plastik-Einbands ihrer wiedergefundenen Mao-Bibel. Der hatte sich seit damals nicht verändert. Und die Sprüche? „Wie aus Omas Kirchenkalender!“

Dass Hermann Wallmann ihre Romane „wie große Gedichte“ vorkamen, gefiel der Dichterin sehr gut. Und auf die Dichtung kam sie auch immer wieder: Auf den Barockdichter Andreas Gryphius und den hoch geschätzten (wenn auch abseits der Lyrik antisemitisch belasteten) Ezra Pound. Ganz am Schluss las sie noch zwei Haikus aus eigener Feder.

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