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Amateurbühne zeigt den Dürrenmatt-Klassiker „Besuch der alten Dame“

Vom Thron aus kalte Rache genießen

Münster

Im Bennohaus fand die Premiere von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ in der Inszenierung der „Amateurbühne Münster-Ost“ statt. Ein eindrucksvoller Abend.

Von Günter Moseler

Milliardärin Claire Zachanassian (Christiane Schrand, Mitte) mischt mit ihrem eiskalten Rachefeldzug das Dorf „Güllen“ auf. Foto: Günter Moseler

Sie kommen her­einspaziert, als könnten sie kein Wässerchen trüben – die Bewohner des Städtchens, dessen Name über einem übelriechenden Kaff zu schweben scheint: „Güllen“. Noch ist dort die Welt zwischen Politik, Polizei und Kirche im Lot – bis eine geheimnisvolle Dame auftaucht: Claire Zachanassian (lauernd kühl: Christiane Schrand), Milliardärin und eiskalt zu maßloser Rache entschlossen. Im Bennohaus fand die Premiere von Friedrich Dürrenmatts tragischer Komödie „Der Besuch der alten Dame“ in der Inszenierung der „Amateurbühne Münster-Ost“ statt und bewies eindrucksvoll die künstlerische Bedeutung städtischer Initiativen.

Eine kleine Bühne vorn, auf einem Podest ein schwarzer Thron hinten, durch einen schmalen Mittelweg zwischen den Sitzreihen miteinander verbunden – hier rollte die Geschichte eines Menschenschicksals ab. Bierkästen ließen sich in Windeseile zu Beistelltischchen oder einem Tabernakel umfunktionieren. Der zerkratzte Bühnenboden stand für die finanziell marode Situation Güllens. Die Milliardärin wird mit Sekt empfangen, und gerade war Lebensmittelhändler Ill noch als Kandidat fürs Bürgermeisteramt im Gespräch – da platzt die Bombe: Die Zachanassian, als junges Mädchen von Ill verführt und ins Unglück gestürzt, verspricht „Güllen“ eine Milliarde – und fordert im Gegenzug Ills Tod.

Es waren inszenatorische Kargheit und direktes Spiel des Ensembles (Regie: Petra Neuhaus und Diana Nordlohne), die Dürrenmatts Reißer als Alltags-Lehrstück menschlicher Verirrungen ins Publikum setzten. Es hätte eine Geschichte von nebenan sein können, ohne Milliarden, aber mit ähnlich katastrophischem Format. Ills (Felix Seeberger beklemmend als Gutmensch mit feiger Vergangenheit) Kunden lassen ellenlang anschreiben, seine Bürgermeister-Kandidatur wird ihm entzogen, auf der Suche nach dem entlaufenen Panther der Zachanassian rennen Pfarrer, Lehrer, Polizist und Bürger mit Totschlägerknüppeln durch den Saal: Das wirkt wie eine hautnahe Bedrohung auch für die Zuschauer. Von ihrem diagonal ausgerichteten Thron aus beobachtet die Rachefurie, wie Habgier und Verleugnung Regie führen.

Immer wieder torkelten irritierend die Unholde Koby und Loby (brillant: Laura Koshtanjevac und Paulina Klöker) durch die Szenerie. Darstellerische Wirklichkeit rückte direkt in die Nähe der Kunst. Als überkomme den Menschen seine wahre Natur und sei er ihr willenlos ausgeliefert.

Begeisterter Beifall für eine Aufführung, die ohne große Gesten großes Theater aufführte.

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