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Herbstliches Programm des Kammerchors St. Lamberti

Von Sturm und Melancholie

Münster

Wenn ein Chor den Herbst besingt, können die Stimmungen zwischen kraftvoller Naturbeschreibung und inniger Demut wechseln. Beim Kammerchor von St. Lamberti mischte zudem ein Saxofon mit.

Von Brigitte Heeke

Foto: Brigitte Heeke

Ein Sturm in St. Martini! Der Wirbelwind begann in einem Glissando der Tenorstimmen, setzte sich rasch in Sopran, Alt und Bass fort, fegte durch die Kirche und schüttelte die rund hundert Zuhörer gut durch. Zum Glück nur lautmalerisch. „Herbststimmung“ stand im Mittelpunkt des Chorkonzerts am Samstagabend. In dem berührenden Zyklus „Sügismaastikud“ (Herbstlandschaften) des estnischen Komponisten Veljo Tormis, in dessen bewegtem zweiten Satz der erwähnte Sturm aufkommt, erzählte der Chor von der Veränderung der Natur, vom verfärbten Laub und von den Mühen der Kartoffelernte. Eindrücklich kommen in dem 1964 entstandenen Werk dunkle Seiten zur Sprache: kalte Hände, schlammige Wege, die „tödlich gelbe Heide“. Daher dürfte wohl die Veränderung des politischen Gefüges im besetzten Estland mindestens mitgemeint sein …

Neben den typisch herbstlichen Wetterphänomenen haben Komponisten aller Epochen auch die Melancholie dieser Jahreszeit in Töne gegossen, die Dankbarkeit über die Ernte, die Ruhe und die Wehmut. Der Kammerchor St. Lamberti unter der Leitung von Alexander Toepper gestaltete all diese Facetten in verschiedenen A-cappella-Sätzen wunderbar stilsicher. In Johannes Brahms’ „Im Herbst“ machte der Chor mit ernsten, aber auch sanften Klängen die romantische Sicht auf die Jahreszeit deutlich. Psalmvertonungen aus dem Barock hoben eher die Demut des Menschen hervor und setzen der Vergänglichkeit den Trost durch das Bibelwort entgegen.

In Münster war es dieser Tage oft zu sehen, das sprichwörtliche goldene Licht im Herbst. Dieses Leuchten übersetzte die Saxofonistin Magdalena Łapaj-Jagow in Musik und bereicherte das Konzert um drei solistische Werke, darunter die „Melodien für Saxofon“ von Philipp Glass, die wie für die Akustik des Kirchenraums gemacht schienen. Sowohl „Scriu Numele Táu“ von François Rossé als auch Gilad Hochmans „Monologue for Saxophone Solo“ nehmen Bezug auf die Sprache. Łapaj-Jagow ließ das Saxofon singen, flüstern, manchmal aber auch knurren und „schreien“ – in jedem Fall fantastisch musiziert.

Zum Ende des Konzerts erklang mit „Wie sich ein Vater“ (Crüger/Bach) erneut die Musik gewordene Theologie des Barock. Pure Zuversicht! Als Überraschung übernahm in dem Arrangement von Alexander Toepper das Saxofon einen Part.

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