1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. Weltanschauliches Duell auf „hoher See“

  8. >

„Freuynde + Gaesdte“ bieten eine „Nacht auf der Bounty“

Weltanschauliches Duell auf „hoher See“

Münster

In ihrem Stück „Nacht auf der Bounty“ folgt die neue Theaterproduktion der „Freuynde und ­Gaesdte“ nicht theatralischen Zuspitzungen in Romanen und Spielfilmen – sondern historischen Fakten. Premiere war jetzt am Aasee in Münster.

Von Günter Moseler

Fletcher Christian (Zeha Schröder, l.) hält William Bligh (Helge Salnikau) auf dem münsterschen Aasee-Steg in Schach. Foto: Moseler

Ihr Name ist Legende: „Bounty“. Der gleichnamige Dreimaster der Britischen Admiralität war 1789 Schauplatz einer Meuterei, deren Nachwirkung sich einer spektakulären Fahrt im offenen Boot übers offene Meer verdankt: In einem solchen Boot war Kapitän Bligh von seiner aufrührerischen Mannschaft auf hoher See ausgesetzt worden – und erreichte nach 6700 Kilometern rettendes Ufer! Der 2. Offizier Fletcher Christian hatte den Aufstand angezettelt: Alle hätten lieber das „dolce vita“ am Ankerplatz Tahiti genossen. In ihrem Stück „Nacht auf der Bounty“ (Text nach Originalquellen: Zeha Schröder) folgt die neue Theaterproduktion der „Freuynde und ­Gaesdte“ aber nicht theatralischen Zuspitzungen in Romanen und Spielfilmen – sondern historischen Fakten.

Die Tretboot-Überfahrt zur Aasee-Seebühne konnte die Höhe ozeanischer Gewalt nicht ganz einlösen, doch Takelage, Segel und Reling besaßen minimalistische Symbolik, die Haare von Fletcher Christian (Zeha Schröder) und William Bligh (Helge Salnikau) wehten bei leichter Brise wie im Fahrtwind. Alles begann als klassisches Duell: Bligh, die Hände hinterm Rücken gefesselt, gegenüber Fletcher Christian, mit weißem Stehkragen und Hemdaufschlägen: „Sie sind abgesetzt, Kapitän!“ Ringsum die Zuschauer in vertäuten Bei(tret)booten, als wäre es ihr Mannschaftschicksal, das verhandelt würde.

Alles kreiste um „Macht“, „Befehl“, „Gehorsam“, auch „Pflicht“ und „Ehre“. Hier Fletcher, der aufgeklärte Zeitgenosse, dort Bligh, offenbar immer noch von pathetischem Standesdünkel beherrscht: „Eine Gemeinschaft von Gleichen kann es gar nicht geben.“ Ein moderner Diskurs über alte Herrschaftsmodelle („So ist es – sonst klappt’s nicht!“) und rationale Gefühle („Für unser Leben und unsere Familien!“) griff auf die Kontrahenten über. „Es geht um offene Herzen“, verkündete Fletcher, während Bligh sein inniges Verhältnis zur schwerbehinderten Tochter gesteht: „Wenn sie mich anstrahlt wie die Morgensonne!“

Von Arena-Gebrüll zu intimen Bekenntnissen einte beide der Schlagabtausch über das wahre Leben diesseits wie jenseits eiserner Prinzipien. Irgendwann dämmerte die paradoxe Einsicht: „Wir müssten schon beide rückwärts segeln…“. Schröders und Salnikaus konzentriert nachdenkliches Rollenverständnis entzauberte den Mythos unvereinbarer Positionen – als seien die Planken der „Bounty“ die der Welt.

Startseite
ANZEIGE