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„Rage“ eröffnet Israel-Tanzfestival

Wenn der Vortänzer höhnisch lacht

Münster

Bis zum 22. November läuft im Theater im Pumpenhaus das Tanzfestival „Israel is real“. Zum Auftakt präsentierte sich die Kamea Dance Company aus Be’er Sheva in Münster. Und zeigte mit „Rage“ gleich, wie wuchtig Choreografien aus dem Gastland sein können.

Von Helmut Jasny

Eine Tanzszene aus „Rage“ mit Foto: Kfir Bolotin

Die Szene könnte ambivalenter nicht sein: Zwei Tänzer stehen sich in Fechterhaltung gegenüber, aber statt eines Degens haben sie eine lange weiße Feder in der Hand, mit der sie sich in beinahe schon balletthafter Anmut umkreisen. Dann ist ein furchtbarer Schrei zu hören, und die beiden gehen in martialischem Kampf aufeinander los, bis sie ermüden und wieder in die ursprüngliche Grazie zurückfinden. Schon erfolgt der nächste Schrei, das fatale Spiel beginnt von vorne.

Es ist ein fragiler Frieden, der hier demonstriert wird. Und das gilt auch für den weiteren Verlauf von „Rage“, mit dem die Kamea Dance Company aus Be’er Sheva am Samstag das Tanzfestival „Israel is real“ im Pumpenhaus eröffnete. Mit zwölf Tänzerinnen und Tänzern fährt Choreograf Tamir Ginz ein großes Ensemble auf. Und entsprechend dicht geht es zu auf der Bühne. Virtuos getanzte Gruppenszenen wechseln mit ausdrucksstarken Soli und Pas de deux. Alles fließt und greift stimmig ineinander. Mal ist die Gangart rau und widerborstig, dann weich und harmonisch – eine ästhetisch verfeinerte Rage gewissermaßen.

Und eine dramaturgisch wirksam umgesetzte. Denn jede Szene baut ihren eigenen Spannungsbogen auf. Etwa wenn eine Art Vortänzer in gesteiftem Anzug auftritt. Er könnte ein Gott oder ein Dämon sein, so wie er das restliche Ensemble animiert, dass es ihm hörig folgt und dann wieder entsetzt zurückweicht, bis er die ganze Hysterie mit einem höhnischen Lachen beendet. Ähnlich eine Liebesszene, die allerlei Turbulenzen durchlaufen muss, bevor sie in einer innigen Umarmung enden kann. Oder ein Tänzer, der gegen unsichtbare Wände rennt und schließlich im langsam verlöschenden Licht verendet.

Beklemmend wirkt das Nebeneinander von formaler Schönheit und inhaltlichem Schrecken in der Szene, in der vier Männer einer Frau nachstellen. Es kommt zu Übergriffen, bis die Frau leblos auf der Bühne liegt – grausam zu Tode gespielt wie die Maus von der Katze. Nicht weniger ambivalent gestaltet sich das Ende der Aufführung. Auf eine Gruppenchoreografie, die von martialischer Marschmusik angetrieben wird, folgt eine anmutig getanzte Ballettszene, bei der die Protagonisten mit romantischem Kunstschnee berieselt werden.

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