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Interview mit Urban Priol

Wie der Superman des Kabaretts

Das Satiremagazin „Neues aus der Anstalt“ hat ihn bekannt gemacht: Urban Priol. Markenzeichen: Buntes Hemd und Struwwelfrisur. Der 54-Jährige nimmt kein Blatt vor dem Mund. Auch nicht in unserem Interview.

Carsten Vogel

Urban Priol ist nicht nur aufgrund seiner Hemden bekannt wie ein bunter Hund. Foto: Axel Hess

Die Debatte darüber, was Satire darf ist immer virulent. Charlie Hebdo hat Karikaturen veröffentlicht, die Aylan Kurdi vor einem McDonalds-Schild zeigen. Wie weit lehnen Sie sich aus dem Fenster?

Urban Priol: In höheren Stockwerken gerade soweit, dass ich nicht herausfalle (lacht). Ich habe keine Berührungsängste und keine Tabus. Ich würde nie persönlich beleidigen, aber es gehört sich einfach so, dass man auf gewisse Dinge richtig draufgeht. Am schönsten ist es, wenn man nur zitieren muss, weil das entlarvend genug ist.

Akut sind Flüchtlinge und Flüchtlingspolitik das bestimmende Thema. Sie sind in Ihrem aktuellen Programm „Jetzt!” – wie der Name sagt – immer aktuell. Werden Sie das Thema auf- und miteinarbeiten?

Priol: Das habe ich mir auch überlegt. Nach der Sommerpause war Griechenland plötzlich weg. Siebeneinhalb Monate hießt es immer nur Griechenland, Griechenland, Griechenland. Alle haben gesagt, an der Griechenlandfrage kann Europa scheitern. Und dann kamen die Flüchtlinge und sagten: „Moment mal, es gibt auch noch uns!“ Das ist schon eine größere Nummer im Köcher. Dass das Interesse im Publikum aber groß ist, hat mich auch überrascht. Man wandelt natürlich auf einem schmalen Grat. Morgens liest man in der Zeitung, dass die Grenzen offen sind. Abends steht man auf der Bühne und in der Zwischenzeit – wie es in Kroatien passiert ist – kommt ein Anruf aus Brüssel und es heißt: April, April, die Grenze ist dicht. Deshalb habe ich immer mein Tablet dabei und schaue vorher, und während des Programms drauf, um aktuell zu sein.

Ein Kabarettist, der sich Jahr ein Jahr aus mit Politik und Gesellschaft auseinandersetzt: Wie sehr läuft jemand Gefahr, ob seines Wissens verbittert zu werden?

Priol: Ja, die Gefahr ist natürlich da. Obwohl man sehr tief in die Materie eintaucht, muss man versuchen, eine kleine Distanz zu wahren. Man braucht Hobbies, einen stabilen Freundeskreis und sollte sich an kleinen Dingen des Alltags erfreuen, dann erträgt man auch das große Ganze. Es macht aber auch Laune. Bühne ist für mich eine Art Therapie, ich spare da viel Geld. Alles, was mich tagsüber aufregt, kann ich abends loswerden. Bei aller Arbeitsintensität – die sich durch die sozialen Netzwerk verstärkt hat – ist die Arbeit doch ein Geschenk.

Apropos: Facebook hat vor Kurzem ja den Dislike-, d.h. den Empathiebutton angekündigt...

Priol: Das muss man sich mal vorstellen, es war Meldung Nummer fünf in der Tagesschau, dass der Zuckerberg ein Daumenrunterzeichen einführt. Wie blöd kann man sein, dass man das in die redaktionelle Meldung miteinbringt? Anstatt zu sagen, wir ignorieren das. Naja, Nachrichten werden ja auch durch Börsenmitteilungen unterbrochen, die auch nur drei Prozent der Deutschen interessieren.

Im Gegensatz zu Pelzig ist Urban Priol keine Kunstfigur, wie das bei Barwasser der Fall ist. Aber wie viel privater Priol steckt in dem Kabarettisten?

Priol: Das bin schon ich. Ich springe zwar in eine Rolle, das mache ich gerne, aber der der oben auf der Bühne herumhopst, ist der Gleiche, der hinterher Autogramme schreibt und sich mit den Leuten unterhält. Es ist auch nichts gekünstelt, wenn ich mich aufrege.

Das ist wie bei Superman. Die Verkleidung besteht nur in der Brille. Bei Ihnen sind es die Haare und das Hemd.

Priol: (lacht) Wobei das Hemd auch keine Verkleidung ist, ich trage auch privat gerne bunt. Es ist um uns herum schon grau genug.

Urban Priol

Ich finde, es gibt immer weniger politisches Kabarett. Liegt das an der Politikverdrossenheit der Menschen oder an der geringen Quote, dass Fernsehsender nicht mehr darauf setzen?

Priol: Das könnte eine Mischung aus allem sein. Mit der Quote glaube ich aber weniger. Ich finde, es gibt fast ein Überangebot im Ersten und auch im Zweiten. Es wiederholt sich. Die Gäste wiederholen sich. Man sollte dosierter damit umgehen. Wobei ich es durchaus begrüße, wenn man der Satire mehr Raum gibt. Politkabarett ist aber viel arbeitsintensiver geworden. Man muss schneller sein, kann nicht mehr in den einfachen Bahnen schwarz-rot oder West-Ost denken, als die Mauer noch stand. Heute ist – wie man so schön sagt – alles verglobalisiert. Da passiert etwas in Staaten, die man bis vor Kurzem noch gar nicht kannte. Aber ich sehe das als Herausforderung.

Früher aber gab es markante Typen wie Strauß und Wehner. Und heute?

Priol: Das war der Typus des leidenschaftlichen Berufspolitikers. Heute fragen sie sich, ob es ihnen was für ihre Anwaltskanzlei bringt, wenn sie vier bis acht Jahre in die Politik gehen. Die vorherrschende Haltung ist doch, dass sie nur ihre Pension durchbekommen wollen, wenn sie auf der Hinterbank sitzen und das Maul halten: Bloß nicht anecken und wieder auf die Liste kommen. Daneben gibt es auch welche die engagiert arbeiten, die aber nicht auffallen, weil sie engagiert arbeiten (lacht). Aber jeder, der länger im Politgeschäft ist, bildet Macken.

Das ist doch die Aufgabe eines Kabarettisten, diese Macken zu finden...

Priol: Und sich daran zu erfreuen. Das ist doch auch schön (lacht).

Gibt es wieder einen Jahresrückblick von Ihnen?

Priol: Ja. Im November bin ich bei den „Mitternachtsspitzen“ und ich glaube, am 21. Dezember wird im ZDF wieder „Tilt!“ ausgestrahlt.

Als Unterfranke: Wenn jetzt eine Anfrage für den Frankentatort käme, wäre das was für Sie?

Priol: Selbstverständlich. Ich würde sogar die Leiche spielen (lacht).

Sie waren zwar 2006 Stern des Jahres und sogar „ein Fall fürs All”, aber warum wurde ein Asteroid des äußeren Hauptgürtels nach Ihnen benannt?

Priol: (lacht) Das fand ich toll. Das ist lustig. Da gibt es jemanden, der forscht, der den entdeckt und der sagt, er benennt ihn jetzt einfach nach mir. Demnächst treffen wir uns zur Urkundenübergabe. Man spürt das nicht immer im Alltag, aber ab und zu gucke ich hoch und denke, da ist noch ein Teil von dir. Ich finde das wirklich witzig (lacht).

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