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SO-66 zeigt Gastkünstler aus Hengelo in der Titanickhalle und ihrer Produzentengalerie

Wie Faust aufs Auge

Münster

Sollte jemals jemand Zweifel daran gehabt haben, dass die Titanickhalle als Kunstraum fantastische Möglichkeiten bietet, der kann sich davon in der Ausstellung „klein/GROOT“ der Künstlerinitiative „074 PK“ aus Hengelo überzeugen.

Gerhard H. Kock

Kim ten Oever hat eine Art „Ur-Libelle“ (mit Kamerablick) aus Material eines Kampfjets F-16 konstruiert und auf ein archaisches Holzbruchstück gesetzt – ein der vielen Augenfänger in der Titanickhalle. Foto: Gerhard H. Kock

Sollte jemals jemand Zweifel daran gehabt haben, dass die Titanickhalle als Kunstraum fantastische Möglichkeiten bietet, der kann sich davon in der Ausstellung „klein/GROOT“ der Künstlerinitiative „074 PK“ aus Hengelo überzeugen. Die Arbeiten passen dorthin wie die Faust aufs Auge. Auf Einladung der Produzentengalerie SO-66 zeigen 30 Künstler Großes in der Halle und Kleines in der Galerie an der Soester Straße.

Die sollte zuerst besucht werden, um ein Werk zu würdigen, das Pier van Dijk am Hawerkamp präsentiert. Der Niederländer hat die Ausmaße des schmalen Galerieraumes mit Metall-Stäben in den Verhältnissen 1:1, 1:2 und 1:4 nachgestellt. In der Riesenhalle ermöglicht das abgesteckte Karree dann eine Raumerinnerung des schmalen Galerie-Schlauchs. Solche Bezüge zwischen Galerie und Halle gibt es einige.

Die Metall-Arbeit „ZW 1, 3, 4, 5, 6“ von Tony Boiso erinnert nicht nur an den Mythos Phaeton (der fuhr den Sonnenwagen im Größenwahn zu Schrott), sondern zudem an den Abschuss der MH-17 über der Ukraine, mit vielen Toten aus den Niederlanden. Die Riesenmetalle-Körper sind in der Halle bis unter die Decke montiert, ein Modell steht in der Galerie.

In der Halle gibt es mehrere Arbeiten über Beziehungen. Jenny de Groot hat ihr Foto „Atemlos“ in eine schwarze Bucht gehängt: eine Frau im prächtig gestickten Brautkleid mit Gasmaske – dicke Luft im siebten Ehe-Himmel . . . Einen Schritt „weiter“ ist Irma Bruggemann, die ihr „Liebesbett“ analog zum Phönix aus der Asche versteht: Sie hat das Ehebett verbrannt, in die Tonne gekloppt, so ist Platz für neue Liebe. Textile Fundstücke hat Herbert Capelle in seiner gläsernen Stele „Gefundene Frau“ schwarz gefärbt und kombiniert – eine leicht morbide Mischung aus Schneewittchen im Sarg und der Zauberei einer zersägten Jungfrau.

Eine Arbeit, die sich perfekt in die ehemalige Indus­triehalle einfügt, ist „Fountain“ von Frans Mensink vor der ehemaligen, beeindruckenden Schaltkasten-Batterie. Das Foto zeigt ein ramponiertes Metall-Pissoir im Hafen von Amsterdam (eine Anspielung auf Duchamp). Den nahezu kathedralen Charakter der Halle greift Renata de Frankrijker auf, wenn sie ihr Triptychon mit Gebetsbank vor eine fast raumhohe Wand-Nische stellt. Frankrijker ist halb Italienerin, und daher spielen viele ihrer Symbole auf dem Gemälde darauf an: die verschachtelten Häuser neapolitanischer Städte, die Caffettiera, der Fisch, die typischen Gesten des italienischen Palavers. Die Themen handeln vom Leben, seinen Verletzungen, seinen Fesseln, seinen Möglichkeiten.

Die „O 74 PK“ ist eine Künstlerinitiative auf einer anarchisch-liberalen Grundlage. Von den ungefähr 100 Hengeloer professionellen Künstlern sind 60 Mitglieder der Initiative. Sie bezahlen nur einen symbolischen Beitrag von zehn Euro im Jahr. Kriterium für die Mitgliedschaft ist Professionalität und Kooperation.

Zum Thema

Die Ausstellungseröffnungen sind am Sonntag (24. Juni) in der SO-66, Soester Straße 66, um 15 Uhr sowie in der Titanickhalle, Hawerkamp 31, um 17 Uhr. Öffnungszeiten in der SO-66: samstags und sonntags von 15 bis 18 Uhr; ab Öffnungszeiten am Hawerkamp ab 1. Juli: samstags und sonntags von 15 bis 19 Uhr. Bis 29. Juli.

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