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Tanztheater mit radikaler Konfrontation des Publikums

Wie sich die Gewaltspirale dreht

Münster

Der Anfang wirkt grotesk: Ein Tänzer in schwarzem Mantel saugt Staub; statt eines Elektrogeräts zieht er einen Mann hinter sich her, der, unter einem Tuch verborgen, schmatzende Sauggeräusche von sich gibt. Schmutz, der sich hier auf der Pumpenhaus-Bühne zwischen Koffern angesammelt hat, lässt sich wegputzen, das kollektive Gedächtnis dagegen bleibt ewig.

Isabell Steinböck

Tanztheater, das das Grauen zu bannen versucht, ist „Jewrope“. Foto: Maciej Zakrzewski

Das Bonner Tanzensemble „Bodytalk“ widmet sich, in Kooperation mit dem polnischen „Polski Teatr Tanca“, dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte, dem Holocaust. Das Grauen macht bis heute sprachlos; ihr Tanztheater „Jewrope“ sei, so das Programm, aus dem Bedürfnis entstanden, auf den Horror zu reagieren. Ein mutiges Vorhaben, das die Künstler grandios bewältigt haben, mit starken Bildern, aktuellen Bezügen und einer radikalen Konfrontation des Publikums mit Gewalt.

Die Publikumsbefragung lautet so: „Würden Sie zwei Pandabären erschießen, um einen Juden zu retten?“ Die meisten antworten überraschend klar: Nein. Als eine Zuschauerin Ja sagt, werden die Tiere getötet. Kurz darauf geht ein Buch herum, in das jeder jemanden eintragen darf, der getötet werden sollte (eine Tänzerin schlägt Wladimir Putin vor). Szenen von Vergewaltigung und Mord schließen sich an, gefolgt von der Folter des Täters, der, wie gefesselt, zwischen zwei Seilen vegetiert. Wenn sich die Gewaltspirale erst einmal dreht, wird das Grauen immer stärker...

Musikalisch begleitet von Damian Pielka, gelingt dem Choreografenduo Yoshiko Waki und Rolf Baumgart eine Produktion, die das Rätsel menschlicher Gnadenlosigkeit in packende, bewusst abstoßende Bilder fasst. Die Dramaturgie reicht von dynamischem Volkstanz als Ausdruck purer Lebensfreude über ein Interview mit einer fassungslosen Holocaust-Überlebenden bis hin zum Urtypus der deutschen Mutter, die andere mit ihrer Milch – bis zum Erbrechen – füttert. Paul Celans „Todesfuge“ nimmt so Gestalt an, wie auch musikalisch der Milchmann Tevje aus „Anatevka“. Eine Passantenbefragung, die am Ende über die Bühnenwand flimmert („Wenn Sie zu einer bedrohten Minderheit gehören würden, wohin würden Sie fliehen?“) vermittelt vor allem eins: Hilflosigkeit.

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