1. www.wn.de
  2. >
  3. Münster
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. „Wir genießen künstlerische Freiheit“

  8. >

Meinhard Zanger über das Borchert-Theater in der Corona-Zeit und seine Vertragsverlängerung

„Wir genießen künstlerische Freiheit“

Münster Menschen zu schützen. Generell verstehe ich nicht, warum das Boostern nicht vorverlegt wurde, seit man um die geringere Wirkungsdauer der Impfungen weiß, warum nicht schon wieder die Impfbusse rollen.

Theater trotz Corona: Wie das funktionieren kann, so lange kein Lockdown es verhindert, haben Meinhard Zanger und sein Wolfgang-Borchert-Theater gezeigt. Nach der Vertragsverlängerung des Intendanten arbeiten sie nun an der Fortsetzung einer erfolgreich gestarteten Saison.

Von Harald Suerland

Intendant Meinhard Zanger im Zuschauerraum des Wolfgang-Borchert-Theaters. Foto: Gunnar A. Pier

Meinhard Zanger, der Intendant des Wolfgang-Borchert-Theaters, hat soeben seinen Vertrag um drei weitere Jahre verlängert. Auch sein Haus muss, wie das Theater Münster einerseits und kleinere Kulturveranstalter andererseits, mit den Herausforderungen der Corona-Pandemie kämpfen. Doch Zanger bleibt trotz Kritik an einzelnen Maßnahmen der Politik zuversichtlich, wie er im Gespräch erzählt.

Wie ist denn die gegenwärtige Situation in Ihrem Theater?

Meinhard Zanger: Im August und September haben wir noch mit reduzierter Kapazität gespielt, jetzt aber spielen wir wieder vor vollem Haus. Dadurch sind wir im November auf eine Auslastung von 70 Prozent gekommen.

Wirkt sich die Corona-Situation nicht auf das Zuschauerverhalten aus?

Zanger: Natürlich schon. So hatten wir früher eine größere Nachfrage im Vorverkauf, und jetzt entscheiden sich die Leute eher spontan, ins Theater zu kommen. Es gilt ja die 2G-Regel, und wir haben den Besuchern auch vor der aktuellen Schutzverordnung empfohlen, während der Vorstellung die Masken aufzubehalten.

Keine Ängste im Publikum?

Zanger: Hier und da sind schon mal welche lieber wieder gegangen, wir haben ja keine Platzbeschränkungen. Aber vor der Tür gibt es unsere Impfpass- und Ausweiskontrolle, und die Leute kommen später, halten sich also nicht mehr so lange im Foyer auf.

Auch die jüngste Schutzverordnung hat keine größeren Einschränkungen für sie?

Zanger: Die aktuelle Schutzverordnung des Landes schreibt keine Rückverfolgbarkeit vor – die wir aber leisten können. Das Schachbrettmuster im Publikum gab es bei uns noch im August. Am letzten November-Wochenende aber hatten wir eine fast ausverkaufte Vorstellung und eine andere mit 100 Zuschauern. Der Hunger nach Kultur ist sehr stark, vor allem bei Studenten stellen wir das fest. Jetzt werden weiter Karten vorbestellt, aber zögerlich.

Wie ist die Situation im Ensemble?

Zanger: Ich selbst hatte bereits meine Booster-Impfung, bei uns im Theater sind ohnehin alle geimpft. Wir hatten schon im März eine Impfaufklärung, die auch die Zweifler überzeugte. Als Theaterleiter fühle ich mich ja auch verpflichtet, die Menschen zu schützen. Generell verstehe ich nicht, warum das Boostern nicht vorverlegt wurde, seit man um die geringere Wirkungsdauer der Impfungen weiß, warum nicht schon wieder die Impfbusse rollen.

Weiterreichende Schutzmaßnahmen für die Theater halten Sie nicht für sinnvoll? Manche denken ja schon wieder über einen Lockdown nach ...

Zanger: Es kann nicht angehen, dass man das ganze Land wieder stillegt. Auch die psychische Belastung einer solchen Situation ist nicht zu unterschätzen, man hat dann gar keinen gewöhnlichen Alltag mehr. Es gab ja schon Berufswechsel, sogar von Suiziden hat man gehört. Die Theaterbesucher können sich ja entscheiden, die Maske aufzulassen – selbst dann geht einem die Situation ja immerzu im Kopf herum. In Nordrhein-Westfalen und speziell in Münster haben wir glücklicherweise keine so dramatische Situation wie etwa in Bayern.

Die staatlichen Corona-Hilfen für die Kultur haben auch Ihrem Haus zum Überstehen der Lockdown-Phasen geholfen. In dieser Zeit wurde weiterhin geprobt ...

Zanger: Alles, was wir in den Lockdown-Phasen geprobt und vorbereitet hatten, haben wir mittlerweile auf die Bühne gebracht: „Heilig Abend“, „Antigone“, den „Sandmann“ mit einem Jahr Verspätung. „Die Turing-Maschine“ war jetzt eine neue Produktion. So können wir uns jetzt von älteren Stücken nach und nach verabschieden. Jetzt stehen noch Juli Zehs „Corpus delicti“ und die Open-Air-Produktion „The Black Rider“ an.

Hat sich das Publikumsinteresse in der Corona-Zeit oder durch die Pandemie gewandelt?

Zanger: Vor Corona mussten wir vor allem die unterhaltsamen Stücke anbieten, währen der Coronazeit stieg die Nachfrage nach ernsten Themen, jetzt ist es fifty fifty. In unserem Repertoire geht es um Sterbehilfe, um den Kampf gegen den Terror, um Schwangerschaftsabbrüche, die Verfolgung von Homosexualität. Es ist für mich der beste Spielplan, den wir je hatten. Man kann ja nicht nur über Corona reden. Und wir müssen uns auch mit einem Kulturkampf von rechts befassen. So gibt es Städte, in denen versucht wird, politisch auf die Theater einzuwirken. Hier in Münster ist das nicht das Thema. Wir genießen künstlerische Freiheit. Und wir sind froh, dass mehr und mehr junges Publikum zu uns kommt. Denn unser Stammpublikum ist ja mit dem Theater gewachsen.

Es sind tatsächlich viele aktuelle Themen, die Ihr Spielplan widerspiegelt, etwa mit den Stücken von Ferdinand von Schirach oder auch Lutz Hübner. Und mit E.T.A. Hoffmann oder Georg Büchner pflegen Sie die hohe literarische Qualität?

Zanger: Ja, es ist ein sehr politischer Spielplan, auch mit „Corpus delicti“ oder der „Turing-Maschine“. Die Klassiker, die wir spielen, bieten natürlich hohe literarische Qualität, aber es gibt es auch Zeitstücke, die über den Tag hinausweisen. Erfreulich ist, dass Schulen so großes Interesse zeigen, etwa an der „Turing-Maschine“ oder am „Sandmann“.

Sie erwähnten auch interne Neuerungen ...

Zanger:  Der Lockdown hat uns dazu gebracht, uns auch inhaltlich neu aufzustellen, etwa mit dem Bereich Theater und Digitalität, wofür wir auch Gelder beantragt haben. Professionelles Streamen war uns zuvor nicht möglich, in Zukunft könnten wir bei einem Lockdown das Theater leichter zu den Leuten bringen. Eine der Folgen: Für das Frühjahr planen wir bereits ein Projekt zum Thema Enkeltrick. Weil ja gerade Senioren von solchen Trickbetrügern hereingelegt werden, wollen wir eine Vorstellung in unserem Foyer erarbeiten, die wir in Seniorenheime streamen können. Auf das Thema sind wir angesprochen worden.

Wir haben vor wenigen Tagen gemeldet, dass Ihr Vertrag abermals verlänger wurde. Wie Sieht Ihre weitere Planung aus?

Zanger: Ich habe jetzt mit der angefangenen Saison noch drei Spielzeiten, dann werde ich am Ende 18 Jahre hier als Intendant gearbeitet haben. Der Verein hatte erneut einen Fünfjahresvertrag vorgeschlagen, ich wollte eigentlich nur noch zwei Jahre – dann haben wir uns auf drei geeinigt. Durch Corona hatten wir eine halbierte Spielzeit, ich habe große Lust auf komplette Spielzeiten nach Corona.

Im anschließenden Ruhestand kann ich Sie mir nicht gut vorstellen ...

Zanger: Es folgt ja nicht der Ruhestand, sondern ich werde dann ganz nach Lust als Schauspieler und als Regisseur arbeiten, aber nicht mehr administrativ. Die Bürokratisierung hat so stark zugenommen, unser Haus wird ja von der Stadt Münster fast wie das Stadttheater behandelt – mit allem, was an Anforderungen dazugehört.

Als Regisseur sind Sie im eigenen Haus sehr präsent, gelegentlich auch als Schauspieler – und derzeit spielen Sie sogar eine Rolle bei Ihren Kollegen der Städtischen Bühnen. Wie kam es dann dazu?

Zanger: Meine Beteiligung am Bernstein-Musical „Candide“ kam zustande, als Intendantenkollege Ulrich Peters bei unserer „Sandmann“-Premiere zu Gast war und über die Sprecherrolle zur anstehenden „Candide“ flachste: „Zur Not musst Du es machen.“ Wir wollten ja schon immer mal zusammenarbeiten. Wenige Tage später rief er mich dann an und sagte, dass aus dem Spaß nun Ernst werde, weil das eigene Schauspielensemble vor allem mit dem „Faust“ ausgelastet war. Also haben wir die Kalender zusammengelegt und gesehen: Bis auf einen Termin, für den ich meinen geplanten Aufenthalt in Russland kurz unterbrechen musste, hat es gepasst.

Vor Jahren haben Sie das Stadttheater mit einer stattlichen Limousine und das Wolfgang-Borchert-Theater mit einem kleinen Rennwagen verglichen. Und dann fiel Ihnen noch ein anderer Vergleich ein ...

Zanger: Mit dem SC Freiburg? Ja, ich vergleiche uns immer noch am liebsten mit diesem Bundesligaverein: ein kleiner Club mit einem engagierten Team, und der Trainer ist schon viele Jahre da. So versuchen wir hier auch zu arbeiten – nach dem Motto: Warum sollten wir etwas ändern, wenn es erfolgreich ist?

Startseite
ANZEIGE