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Markus Gebauer ist ein „Urbexer“

Wo Dornröschen schlafen könnte 

Münster

Es ist der Traum abenteuerlicher Mädchen und Junge: in verlassene Häuser einsteigen und herumstromern. Der Münsteraner Markus Gebauer fotografiert kunstvoll verlassene Orte mit dem Charme des Verfalls.

Gerhard H. Kock

Kein Ufo, sondern das Busludscha-Denkmal in Bulgarien, das 1981 zur 1300-Jahr-Feier der bulgarischen Staatsgründung eingeweiht wurde und das größte ideologisch motivierte Denkmal des Landes ist. An den Wänden zerfallen die Mosaike, der Winter hat der Architektur ein kristallines Kleid verpasst. Foto: Markus Gebauer

Kleine Jungs stromern herum. Große Jungs sind „Urbexer“. Der Begriff Urban Exploration (kurz „Urbex“) beschreibt das Erforschen von verlassenen Bauten. Markus Gebauer ist einer dieser einsamen Füchse, die sich durch die kleinsten Ritzen in Gebäude schleichen können. Und der Münsteraner nimmt von dort fotografische Eindrücke mit, die sprachlos machen.

Verwunschene Schlösser, atemberaubende Treppenhäuser, pittoreske Kirchen – alle befinden sich im mehr oder minder akuten Ruinenstatus. Gebauer hat sich kindliche Neugier und Abenteuerlust bewahrt. „Ich fand Schlösser schon immer interessant.“ Witziger Zufall: Gebauer ist beruflich Vertriebler beim Radschloss-Spezialisten „Trelock“ in Münster. Seinen Urlaub indes verbringt er als Foto-Jäger in Europa. Belgien, Italien, Österreich, Polen, Tschechien, Ungarn hat er auf der Suche nach verlassenen und verfallenen Gebäuden durchfahren – selbst die Schweiz. „Da verfallen allerdings weniger Häuser.“

Die Szene hat einen Ehrencodex, der Markus Gebauer sehr wichtig ist: „Man hinterlässt nur seine Fußabdrücke und nimmt ausschließlich seine Fotos mit.“ Ein Einbruch komme auf keinen Fall in Frage. Er selbst musste daher auch ein ums andere Mal unverrichteter Dinge wieder abziehen. Immerhin kurvt er in seiner freien Zeit auch schon mal 6000 Kilometer an neun Tagen in der Gegend herum. Im oberschlesischen Krowiarki hat er ausnahmsweise mal 1000 Zloty (für die Renovierung) bezahlt, um ein Schloss fotografieren zu dürfen. Meist versucht er aber unbemerkt von Wachpersonal oder Nachbarn reinzukommen. Ungefährlich ist das bei manchen einsturzgefährdeten Ruinen nicht. „Ich bin ein bisschen verrückt“, schmunzelt Gebauer: „Der Nervenkitzel gehört dazu.“

Die Adressen solcher filmreifen Orte werden in der Szene möglichst gehütet, um die Gebäude vor Vandalismus zu schützen. Es gibt auch einige Klassiker: wie die Beelitzer Heilstätten, das „Wheelchair“-House“ oder das Busludscha-Denkmal in Bulgarien. Hier war Gebauer das Glück des Tüchtigen hold. Es hatte just geschneit und der Frost das bizarre Denkmal in eine Art Eisköniginnen-Palast verwandelt – an den Wänden mit abbröckelnden Mosaiken, unter der Kuppel Hammer und Sichel. „Blinded by Blizzards“ hat Gebauer seine Foto-Kunstwerk genannt. „Disco isn’t dead“ heißt seine Aufnahme von der ehemaligen Stasi-Disco „Heinrich Heine“ im Harz. Hierfür hat er den stockdunklen Tanzsaal mit 140 Teelichtern illuminiert und langzeitbelichtet. Es ist das atmosphärische Licht, mit dem Gebauer seine Fotografie über den Status einer Dokumentation hinaus zu stimmungsvollen Kunstwerken macht. Feuerlöscher oder Graffiti retuschiert Gebauer im Photo­shop. Damit gibt er alten Gemäuern ihre Würde zurück.

Zum Thema

Markus Gebauer stellt derzeit im Café Ideal, Beguinengasse, zehn Bilder aus. Eine Vernissage findet am 27. August um 19 Uhr statt.

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