Cactus Junges Theater zeigt im Pumpenhaus „Robot“

Wo ist die Grenze, wo das Maß?

Münster

Die KI ist sperrig. Die meisten Menschen haben nicht mal ein Gespür für ihre eigene Intelligenz, geschweige denn für eine künstliche. Cactus Junges Theater hat sich in der Regie von Alban Renz an das ebenso aktuelle wie komplexe Thema gewagt.

Gerhard H. Kock

Vernetzen ist alles im 21. Jahrhundert: Nur wo ist die Grenze zwischen Mensch und Maschine, fragt Cactus in „Robot“. Foto: Ralf Emmerich

Die KI ist sperrig. Die meisten Menschen haben nicht mal ein Gespür für ihre eigene Intelligenz, geschweige denn für eine künstliche. Cactus Junges Theater hat sich in der Regie von Alban Renz an das ebenso aktuelle wie komplexe Thema gewagt. Nach der dramatisch knappen Premieren-Absage im März durfte es nun eine coronakonforme Inszenierung im Pumpenhaus auf die Bühne bringen, die informativ, lehrreich und anregend ist.

Die Inszenierung emotionalisiert dem Thema geschuldet weniger, fordert dafür den Kopf heraus: Gleich zum Auftakt entscheidet sich der Zuschauer: Mensch oder Maschine. Denn als Film ist eine höchst lebendige Mixed-Mannschaft des TuS Saxonia Münster zu sehen mit Ärger, Freude, Empathie. Zwischen Leinwand und Zuschauern treten die Darsteller roboterhaft nach einem „Pentagon-Ball“. Hier sind die Programm-Befehle rasch durchschaut. Das bleibt nicht so.

Fünf Displays rahmen den Bühnenraum. Ein rasanter Bilderzeitstrahl (Video-Regie: Laureen Laser) schlägt den Bogen des Dilemmas, der im folgenden Spiel verwirrend raffiniert durchdekliniert wird: von Leonardos vitruvianischen Menschen als Maß aller Dinge bis zum autonomen Fahren. Und gleichsam als textliche Einführung werden dann noch (ein wenig lang) Definitionen doziert.

Schleichend gerät das Publikum in die Fänge von „Egowall“. Deren Werbespruch „Du weißt am besten, was Du brauchst“ versklavt das Ego durch sich selbst. Die Algorithmus-Fessel entmündigt gar die menschliche Bedürfnislage, kennt die personalisierte App doch letztlich jede Regung und damit die Firma jeden Menschen besser als er sich selbst. Nacheinander werden Programme hochgeladen und gespielt zu Themen wie Intelligenz, Liebe, Politik. Die begeistert und engagiert spielenden Darsteller tanzen dabei stets auf der Grenze von Mensch und Maschine, so dass verunklart wird, wie menschelnd die Maschinen der Firma „Egowall“ schon sind – zugespitzt bis zur Frage, ob ein Objekt, das als Maschine vom Menschen ununterscheidbar geworden ist, sich selbst abschalten kann . . . Am Ende wird deutlich, dass Künstliche Intelligenz wohl alsbald intelligenter sein wird als der Mensch. Aber es kommt die interessante Frage auf, ob Roboter nicht auch die besseren, moralischeren, glücks­verheißenderen menschenartigen „Wesen“ wären. Es ist halt sehr verlockend, sich an die Flexileine der Netzwerke legen zu lassen: fühlt sich frei an und trotz Kontrolle . . . Gefühle und Intelligenz sind halt ein ungleiches Paar.

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