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Lillian Stillwells Tanzabend „Furien“ eröffnet mit viel Applaus die Theatersaison

Wuchtige Schicksalskämpfe

Münster

Mit einem wuchtigen Spektakel hat die neue Theatersaison und mit ihr die neue künstlerische Leitung in Münster begonnen. Das Kleine Haus, diese fabelhaft variable Spielstätte, war zu einer Arena umgestaltet worden, in der die Zuschauer gespannt ein Rudel von „Furien“ erwarteten. Die neue Tanzdirektorin Lillian Stillwell zeigte ihre eindrucksvolle Handschrift.

Von Harald Suerland

Die Tänzer haben gegen Ende des Abends ihre schwarzen Oberteile abgestreift und finden zu gelösten Bewegungen. Foto: Christina Iberl

Sie kämpfen, wüten, rennen gegen etwas an und werden doch zurückgeschleudert. Was für eine vulkanische Macht mag es sein, die diese wilden Wesen immer wieder zurückwirft, sie in Kettenreaktionen zu Fall bringt? Und sisyphosartig erneut gegen die Mauern anrennen lässt?

Mit einem wuchtigen Spektakel hat die neue Theatersaison und mit ihr die neue künstlerische Leitung in Münster begonnen. Das Kleine Haus, diese fabelhaft variable Spielstätte, war zu einer Arena umgestaltet (Bühne: Stella Sattler und Jonathan Brügmann), in der die Zuschauer gespannt ein Rudel von „Furien“ erwarteten – rachesuchende Punks hatte die neue Tanzdirektorin Lillian Stillwell unter diesem Titel benannt. Die elf Gestalten, die dann zunächst als vielgestaltiger Leib auf dem Boden lagen und sich zu Individuen lösten, wirkten indes in den Kostümen von Louise Flanagan so zeitlos wie androgyn. Hart und laut allerdings war die Musik, die sich aus Donner und Blitz entwickelte und den Zuschauern in den Magen fuhr.

Die titelgebenden Furien nehmen Bezug zur Orestie, die den Beginn der Spielzeit in den drei großen Theatersparten prägt. Es sind die Rachegöttinnen, die dem Muttermörder Orest zusetzen, sich später jedoch von Rächern zu Rechtsuchenden wandeln. Dieser Wandel und die starken Emotionen begründen den Wesenskern des gut einstündigen Tanzabends – es geht hier noch nicht darum, die Geschichte Orests zu erzählen.

Lillian Stillwell hat für die archaische Größe der Gefühle, für die wilde Entschlossenheit der Gruppe, ein Bewegungsspektrum von berstender Kraft entwickelt: Mit vielerlei Varianten zwischen Urgewalt und Gymnopaedie stampfen und kämpfen sie im Rund der Arena. Da wechseln sich angedeutete Opferrituale mit den Aktionen Einzelner ab – und es ist bewundernswert, wie Stillwell die Gruppe choreografiert, wie sie diesen wuchtigen Bewegungs-Chor den Raum strukturieren lässt. Und dazu dröhnt immerzu jene Musik von „Random­hype“, die so wenig rhythmische Ordnung und so viel klingende Gewalt vermittelt.

Nachdem sich die Furien zwischenzeitlich kriechend zu kleinen Gruppen gefunden haben, beginnt der Prozess des Anrennens gegen das Bühnenbildelement, das eine Wehrmauer oder Stadtbefestigung darstellt und dessen verborgene Kräfte die Gruppe wiederholt zurückwerfen. Bis gegen Ende die Eroberung gelingt, die Akteure ihre schwarzen Oberteile abstreifen und vergleichsweise gelöst in tänzerische Bewegungen übergehen, die klassische Posen zitieren. Und waren über manche Strecken des Abends sogar noch Schreie zu den stampfenden Aktionen getreten, so entsteht nun ein polyphones finales Palaver, das die Aufführung geradezu heiter enden lässt.

Choreografin Lillian Stillwell hat mit ihrer begeistert aufgenommenen Eröffnung ein Ausrufezeichen gesetzt und einen markanten Kon­trast zu den so eigenständigen wie erfolgreichen Vorgängern Daniel Goldin und Hans Henning Paar geschaffen. Jetzt darf man erst mal gespannt sein, wie es am 30. September mit dem Orestie-Projekt weitergeht.

Nächste Aufführungen der „Furien“ am 20. und 24. September, 1. Oktober im Kleinen Haus.

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